„Zu blöd, dass du kein Mann bist.“, sagt ein junger Franzose auf englisch zu mir. In Tunesien.

Zurzeit ist Orangen und Mandarinen Saison.

Noch bin ich in Tunesien. Der Scirocco hat sich auf dem Mittelmeer breit gemacht, so dass wir uns gedulden müssen mit unserem Start. Das Reisen mit dem Segelboot ist in etwa vergleichbar wie das Reisen mit der Deutschen Bahn: Das ist die Abfahrtszeit. Muss aber nicht. Es kann zu Verspätungen kommen. Teilweise auf unbestimmte Zeit. Oder zu Ausfällen. Schon damals hat es mich wenig gejuckt, wenn es heißt zu warten. So auch jetzt: der sturmartige Wüstenwind macht uns einen Strich durch die Rechnung. Unsere Abreise verzögert sich. Nun gut. Bleibt mir also Zeit Tunesien etwas genauer zu betrachten. Eher gesagt, das tunesische Dorf, in dem ich mich befinde. An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich erwähnen, dass es sich nur um ein Dorf handelt und diese Erlebnisse nicht auf ein ganzes Land zu schließen sind. In der benachbarten Ortschaft verhält es sich nämlich schon ganz anders. Auch gibt es in diesem Dorf, in dem ich mich momentan befinde, Ausnahmen, die nicht in dieser Erzählung auftauchen.

Eine Impression vom Dorf

Schon beim ersten Aufenthalt kam ich mir manchmal fehl am Platz vor. Und auch jetzt. Entweder werde ich von den männlichen Mitmenschen ignoriert, oder total angestarrt. Etwas dazwischen gibt es nicht. Natürlich weiß ich um die kulturellen Unterschiede Bescheid. Natürlich ist es mir klar, dass ich mit meinem europäischen Aussehen total raussteche. Aber ich bin doch schließlich auch nur ein Mensch. Ja. Ein weibliches Exemplar. Ja. Ja, genau das ist der Punkt.

Der junge Franzose sitzt am Tisch mit männlichen Einheimischen und ruft mich dazu. Wir reden. Die Einheimischen sind still. Und gehen nach kurzer Zeit. In mir kommt das Gefühl auf, als ob ich eine Party gecrasht habe. „Zu blöd, dass du kein Mann bist.“, sagt der Franzose auf englisch, „Du bekommst hier ja gar nichts mit.“. Und schon erzählt er mir vom Miteinander. Vom gemeinsamen Tee trinken nach Feierabend. Vom integriert sein, wenn ein paar arabische Vokabeln benutzt werden. Vom Essen teilen. Vom Leben der Tunesier. Ja. Witzig. Davon habe ich wirklich noch nichts mitbekommen. Gelangweilt, an ein und dem selben Ort den Abend zu verbringen, nimmt mich der junge Mann mit in den Ortskern. Er, wenn auch nur auf kurze Dauer, hat Teile des tunesischen Lebensstils adaptiert. Das bedeutet nun: ins Café gehen, den Tag ausklingen lassen und Tee trinken. Also gut. Los geht’s. Auf zum Café. Auf der Türschwelle macht er kehrt und meint: „This is not a good idea!“. Ich werfe einen kurzen Blick rein. Der Fernseh läuft. Fußball. Das ganze Café ist voll. Mit Männern. Wir schauen uns an und kommen zu dem Entschluss, auf der Veranda Platz zu nehmen. Die Heißgetränke werden gebracht. Wir staunen bestimmt noch mehr als die Männer, die an uns vorbei gehen. Unser Staunen beruht auf der Tatsache, dass ein Café-Besuch, so viel mehr bedeutet, als einfach nur einen Tee zu trinken. Es ist wie ein Paralleluniversum, in dem wir uns nun befinden. Kollegen schleichen ignorierend vorbei. Manche Männer gehen im Minutentakt ein und aus, weil sie ihren Augen nicht trauen. Überraschte Blicke. Abfällige Blicke. Blicke. Als ob das ein riesengroßes Statement ist, nur, weil ich einfach da bin. Wir rätseln, ob ich wohl in diesem ganzen Dorf nun die einzige Frau bin, die auf der Straße ist. Ich habe mich an die Situation gewöhnt, doch macht meine Begleitung mich wieder darauf aufmerksam: Eine seltsame Tatsache, dass da vor dem Café eine Frau sitzt. Ach Moment. Die Frau bin ja ich. Es macht mir nichts aus allein unter Männer zu sein. Doch hier fühlt es sich anders an. Am nächsten Abend setzen wir uns ins Café. Nicht nur, weil es draußen sehr kühl ist. Sondern auch weil kein Schild davor hängt, im Sinne von “Hunde müssen draußen bleiben”. Und weil ein Gefühl mitschwingt, dass es vielleicht doch ein Statement ist, was gesetzt wird. Durch friedliches Tee trinken, jemanden zum Umdenken gebracht. Das wäre doch was. Drinnen wird uns ein Tisch bereit gestellt. Wir bestellen das gleiche wie gestern. Und auch das Angeschaut werden erinnert an gestern. Das Café ist mit blau-weißen Fliesen gekachelt. Schöne verspielte Muster. Säulen im Raum stützen die hohe Decke. Der Fernseh läuft mit einer zur Hörsturz führenden Lautstärke: Fußball. Manche Männer schauen das Spiel, sind für sich und rauchen dabei. Andere spielen zu dritt, zu viert Karten und rauchen dabei. Wieder andere unterhalten sich lauthals und rauchen dabei. Dieser Geräuschpegel, der in solchen gemeinschaftlichen Räumlichkeiten herrscht, auch mittags im Imbiss, ist stets mindestens 5vol. lauter als im europäischem Raum. Der Rauch der Zigaretten ist hier allgegenwärtig, ganz egal wo und wann. Und auch jetzt vernebelt der Zigarettenrauch den Raum. Alle Stühle sind belegt. Die Männer tragen dunkle Kleidung. Meist sitzen sie in schwarzen Jacken da. Nur ein gelber Punkt ist im Café. Es reicht wohl nicht, dass ich auffalle, nur weil ich eine Frau bin. Hinzu kommt die quietsch-gelbe Jacke. Ein Farbklecks, der da nicht hingehört. Das ungeschriebene Gesetzt sagt es jedenfalls: “akzeptiert, aber nicht erwünscht”. Humorvoll und wieder in einer Art Paralleluniversum vergeht die Zeit. Und so erfahre ich von der Tee-Trink-Kultur, die groß in Mode ist bei der jungen Gesellschaft. Was soll man denn sonst machen, außer abwarten und Tee trinken? Sind hier doch anscheinend die Chancen verbaut. Oder eben der Scirocco am Werk.

Tag und Nacht Tee trinken.

Auf jeden Fall hat unser Abwarten nun ein Ende. Es ist der 22.01.2020. Heute setzen wir die Segel. Start: 14Uhr. Erster Zwischenstop: Mallorca. Wir sind auf dem Boot. Die Behörden haben unsere Pässe. Wir müssen auf dem Boot bleiben. Das Verfahren kenne ich vom letzten Mal. Nun geht es nur noch darum, dass das Boot eine Genehmigung bekommt. Das kenne ich nicht vom letzten Mal. Wir denken uns “Abwarten und Tee trinken”. Den Ausreisestempel haben wir ja schon im Reisepass. Geht bestimmt schon. Aber dann: Große Unruhe. Alle versammeln sich im Büro der Behörde. Alle. Außer die Frau, die für die Organisation der Boote zuständig ist. Da sind wir wieder beim Thema. In dem Moment, während ich das schreibe, weiß ich noch nicht, was Stand der Dinge ist. Heute noch abzulegen ist ungünstig, weil die Dunkelheit schon anbricht. Ja. Schauen wir einfach was passiert. Ich mach mir dann mal einen Tee.

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