04.04.2020 Vor zwei Monaten und drei Tagen bin ich in Ägypten gelandet. Es war eine spontane Entscheidung nach Kairo zu gehen. Frei aus dem Herzen heraus. Eine Freundin treffen und mit ihr ein paar Tage verbringen. Und dann schauen, wohin es als nächstes geht.

Selbstgemachte Linsensuppe.

Durch gemeinsames Essen das Land und die Menschen kennenlernen. Es gibt fast nichts besseres was mehr verbindet, als die Zeit in Gesellschaft mit gutem Essen zu teilen. Die Speisen der Nation verköstigen, eröffnet neue Welten. Und das in gemeinschaftlicher Runde eröffnet die Welt zu den Menschen. Eine Wohltat für Leib und Seele.

27.02.2020 Eine befreundete Ägypterin lädt zum Essen ein. Ich bin die exotische Ausländerin in diesem Kreis. Am liebsten esse ich nur ägyptische Speisen. Tag ein, Tag aus. Ich verzweifel, wenn im Restaurant auf der Speisekarte ausschließlich Nudeln und Pizza zu finden sind. So ist es für die Ägypterin selbstverständlich, dass sie die Nationalgerichte auftischt. Ich freue mich auf authentisches Essen. Ob schon bekannt oder neu. Egal. Hauptsache ein regionales Gericht.

Ich sehe den Esstisch und traue meinen Augen kaum. Ist das das ägyptische Schlaraffenland? Duftnoten bezaubern meinen Geruchssinn. Das Farbenmeer der Speisen schmeichelt mir. Und die Quantität steht im keinstem Verhältnis zur Anzahl der Personen.

Ein Abendessen für sechs Personen.

Ein Teller, wie ein Fass ohne Boden. So stehe ich nun in meiner Pflicht, als guter Gast, mich durch die Speisen zu probieren. Die Bedeutung dieser Pflicht wird mir zu spät klar. Es ist nicht einfach: hier ein wenig und da noch ein Stückchen. Nein. Mein Teller wird nach belieben beladen. Ein Berg nach dem anderen wandert auf diesen Teller. Zunächst bin ich erleichtert. So wird mir ja die Entscheidung abgenommen, womit ich anfangen soll. Doch dann werde ich mir meiner Pflicht bewusst. Es gibt soviel zu probieren. Und davon jedes Mal einen Berg? Puh. Das ist sogar für mich als leidenschaftliche Esserin eine Herausforderung. Qualität und Quantität topt gerade jegliche Maßstäbe eines Abendessens. Es ist einfach zu gut, um mit dem Essen aufzuhören. Doch zu viel, um so bergeweise weiterzuessen. Mittlerweile habe ich den Teller als mein Territorium erklärt. Nachdem ich gesehen habe, dass jeder seinen Herrschaftsanspruch auf seinen Teller wahrnimmt. Ein running-gag entsteht. Und wer kurz mal nicht aufpasst, bekommt von der Gastgeberin noch etwas serviert. Und wer seinen Teller jemand anderen übergibt, um die gewählte Speise darauf zu bekommen, hat wieder einen Berg Essen vor der Nase.

Linsensuppe. Verschiedene Dips. Salate. Ofen-Gemüse. Gefülltes Gemüse. Gefüllte Weinblätter. Reis. Gebratene Zucchini. Okra-Gemüse. Auberginen-Auflauf. Cracker mit Avocado-Creme. Alles selbstgemacht. Tage der Vorbereitung. Mit viel Liebe und Sinn für ein exquisites Kochen.

Gefühlte fünf Kilo später und zwei Stunden schwerer befinde ich mich noch immer auf dem Stuhl am Esstisch. Ein Lächeln ist auf meinen Lippen. Die Runde ist ausgelassen und heiter. Obwohl die Gespräche nun auf Ägyptisch stattfinden, muss ich mitlachen. Das Lachen der anderen ist einfach zu ansteckend. Zwischendurch wird mir das Gespräch auf Englisch übersetzt. Es geht um lustige Missgeschicke, Verpeiltheiten, oder einen Witz, der gerade dazu passt. Es macht Freude, ein Teil dieser Runde zu sein. Ohne den Ausländer-Stempel auf der Stirn zu haben. Ohne ständig mit Fragen durchbohrt zu werden, was ich denn so mache. Ohne lästige small-talk-Gespräche. Ein fröhliches Miteinander bei einem Festmahl. Ein Mahl, dass uns allen viele ”mmmmmmhhhh’ s“ entlockt. Ein Kompliment nach dem anderen ertönt, an die hervorragende Gastgeberin. Glückliche Gesichter. Geschmacksexplosionen der völlig neuen Art- für mich jedenfalls. Ein Höchstgenuss. Und auch der Höchstkonsum meiner Reise.

Ich nehme den letzten Bissen. Nachdem ich versichere, dass ich komplett satt bin, wird mein Teller abgeräumt. Für die nächsten drei Wochen brauche ich wohl nichts mehr zu essen. Flachatmung ist nun angesagt. Der Platz im Körper beansprucht das Essen. Glückselig wandert die Schlemmergruppe auf die Sofas. Tee wird vorbereitet. Oh ja. Gute Idee. Etwas Flüssigkeit zum Abschluss kann der Magen bestimmt gut gebrauchen. Jedoch von wegen: Abschluss. Die Krönung kommt noch. Sozusagen die Physalis auf der Sahnehaube: selbstgemachte Orangen-Tartelettes und eine Tiramisu-Torte. Na klar. Zu einem Festmahl gehört ein Dessert. Wie konnte ich das nur vergessen? Glücklicher Weise bin ich mit einem extra Süßigkeiten-Magen ausgestattet, der auf seine Daseinsberechtigung pocht. Also gut. Auch diese beiden Leckereien werden probiert. Dazu einen Tee. Und ich bin bereit das Zeitliche zu segnen. Meine Todsünde ist definitiv die Völlerei. Und würde ich daran glauben, würde ich mit Freuden zur Hölle fahren. Bei den ganzen himmlischen Hochgenüssen, die ich geschmacklich in meinem Leben hatte, ist dieser Abend der perfekte Höhepunkt.

Es ist Zeit zu gehen. Nicht von dieser Erde. Sondern nach Hause. Ich kuller glücklich zur Wohnungstür. Die Ägypterin hat mir etwas mitgepackt und deutet auf eine Tasche. Meine Schockstarre und mein ungläubiges Gesicht bringt bei den anderen Anwesenden Gelächter hervor. Im Sinne von: Was hat die Deutsche denn erwartet, wenn sie etwas von der Ägypterin mitbekommt?

Es ist mir ein Rätsel, ob ich nach dem Festschmaus nun einfach keine Kraft habe, diese Tasche zu tragen. Oder ob die Tasche tatsächlich 15Kilo wiegt.

Zuhause angekommen packe ich die Gaben aus. Ich traue meinen Augen kaum. Doch mein ermüdeter Arm vom Tragen bestätigt das Motiv: das ist das ägyptische Schlaraffenland.

Eine Kleinigkeit für Zuhause.

04.04.2020 Ägypten. Der Sommer kommt mit großen Schritten. Tagsüber ist es schon so heiß, dass ein Verweilen in der Sonne auf ein paar Minuten beschränkt ist. Und auch meine Reisemöglichkeiten sind beschränkt. Die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Viruses werden auch hier in Ägypten ergriffen. Geschlosse Ländergrenzen weltweit. Die Frage lautet nun nicht mehr, wohin die Reise weitergeht. Es stellt sich die Frage, wann die Reise denn weiter geht.

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Deutsche Fassung Die ReiseLeave a Comment on Ägyptisches Miteinander

0 Replies to “Ägyptisches Miteinander”

  1. Hallo, Wie ergeht es dir in Ägypten? Es war wohl sehr traurig für dich deinen Traum, nach Amerika mitzusegeln, aufgeben zu müssen wegen dem Skipper. Ich wünsche Dir frohe Ostern und alles Gute. Grüße!

    1. Liebe Michaela,
      Vielen Dank für Deine Nachricht.
      Da war wohl etwas missverständlich: Der Skipper hatte mich jederzeit mit offenen Armen empfangen wollen. Nur habe ich mich dagegen entschieden mitzusegeln. Mein Gefühl sagte mir, ich solle in Ägypten bleiben. Nach all der Zeit, die nun vergangen ist, weiß ich warum. Wäre ich mitgesegelt, bliebe mir nach meiner Ankunft in Amerika nur noch die Möglichkeit nach Deutschland zurück zu reisen.
      Mein Reise-Herz hat es wohl bevorzugt, dass ich die Zeit, in der die Welt still zu stehen scheint, in Ägypten verbringe. Anstatt dass ich in Deutschland bin hihihi
      Hier geht es mir gut und die Lage ist in Ordnung.
      Die besten Wünsche an Dich. Bleib gesund und munter.

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