Dieser Spruch von Bruce Lee mag fast jedem geläufig sein: „Sei Wasser, mein Freund!“. Klingt gut und nett. Eine Weisheit, die wie jede Weisheit einfacher gesagt ist, als getan. Und doch ist die Umsetzung mit Leichtigkeit verbunden. Wie es sich heraus stellt.
Mai 2020, Ägypten. Das Reisen ist auf Grund der aktuellen Lage eingeschränkt. Etwas, was gar nicht zum Reisen passt. Eingeschränkt sein. Ist doch das Reisen das ultimative Gefühl von Freiheit. Der Flugverkehr ist eingestellt. Und die Nachbarländer haben ihre Grenzen dicht gemacht. Ich habe die Möglichkeit innerhalb Ägypten zu reisen. Was aber wenig Sinn macht, denn Unterkünfte sind geschlossen, sowie auch Sehenswürdigkeiten und Erholungsgebiete.
Na, um ehrlich zu sein, habe ich mir eine Weltreise anders vorgestellt. Und es kommt nochmal der Gedanke, der Atlantik-Überquerung auf. Auch das war in meiner Vorstellung. Jedoch hat mich mein Weg nach Ägypten geführt. Gegen meine Vorstellung. Aber ich folge meiner Herzensweisheit. Diese brachte mich in das Land der Pyramiden.
Da bin ich jetzt. Und wohin ich auch schaue, alle Wege sind eine Art Sackgasse. Welche Weisheit dahinter steckt, bin ich noch am Ergründen. Das verstehe ich also noch nicht ganz, warum ich hier gestrandet bin. Wiederum verstehe ich die Reaktion der Länder: Eine Einschränkung, um eine Ausbreitung zu verhindern.
Eine Einschränkung der äußeren Welt. Dadurch ist die Freiheit der inneren Welt aktiver denn je. Und somit reise ich durch meine Gedankengänge. Zu unbekannten Territorien. In die Stille. Ins Nichts. Ins All. Durch die Menschheitsgeschichte.
So stoße ich auf folgendes: Eine Weisheit besagt, dass etwas verfällt oder eben zerstört wird, damit neues entsteht. Ein geschulter Geist erkennt, dass es weder gut noch schlecht (böse) ist. Es ist lediglich ein Rhythmus. Den gilt es neutral zu betrachten. Es ist der Lauf der Dinge. Das eine löst das andere ab.
Diese Weisheit ist bestimmt auch auf das aktuelle Weltgeschehen zu übertragen. Nur ist mir das noch zu komplex. Und ich bin noch fernab davon, es mit Neutralität zu betrachten. Also übe ich mich im kleinen. Und zwar so, dass ich es verstehe, weil ich es in meinem Leben verwirkliche.
Profaner kann es wohl nicht sein. Die genannten Weisheiten veranschauliche ich, anhand der Gesichtsmaske. Ja. Lasst uns das Leben leicht nehmen. Genug mit schwerer Kost. Genug mit dem Kopfzerbrechen über die aktuelle Lage. Genug mit abstraktem Gerede.
Da Gesichtsmasken momentan auf vielen Mündern sind (in Ägypten wird wohl in einer Woche die Maskenpflicht eingeführt), kommt mir der Gedanke, mir auch eine zuzulegen. Mein Nachhaltigkeitssinn besteht auf eine Stoffmaske, die wiederverwendbar ist. Und meine Nählust besteht darauf, es selbst zu machen. Also gut. Wunderbar. Das machen wir, schreit der Tatendrang. Alles klar. Meine Kontakte habe ich angefragt, ob eine Nähmaschine zum Ausleihen zur Verfügung steht. Nichts. Eher noch mehr Gedanken in meinem Kopf: „Gut. Falls ich eine Nähmaschine nutzen kann, dann brauche ich noch Garn, ein Meterband, Stecknadel, eine Schere, eine Schnittvorlage und und und.“. Und Stoff natürlich. Na klasse. Anstatt, dass sich ein neuer Horizont auftut, wächst ein Berg vor mir.
Durch meine kürzliche Gedankenreise, kommt mir der Satz in den Sinn: „Be water, my friend!“ Toll ey. Und was bringt mir das? Na gut. Der Gedanke will beleuchtet werden. Sei Wasser. Hm. Wasser nimmt den Weg des geringsten Widerstandes, um zum Ziel zu kommen. Okay. Mein Ziel ist es, eine selbstgemachte Stoffmaske zu haben. Der Widerstand, der sich im Leihen einer Nähmaschine auftut, ist zu groß. Ist bestimmt möglich. Jedoch müsste ich noch einiges an Mühe aufwenden. Also, weiterdenken. Ich habe ein Näh-Kit dabei. Na dann wird eben mit der Hand genäht. Und zack, ist der nächste Spruch in meinem Kopf „Zerstöre, um neues zu schaffen“.
Und auch dieser Spruch kommt mir zu passe. So bin ich doch mit dem Vorsatz auf Reisen gegangen, kein weiteres Gepäck zuzulegen. Eher, dass ich etwas verschenke. Dadurch sind schon ein paar Sachen in der Obhut anderer Personen gelandet. Und gerade in den vergangenen Tagen habe ich wieder ein paar Dinge bei Seite gelegt, die ich gerne weitergeben möchte. Mit einem Blick erhasche ich das passende Teil, dass zu einer Maske umfunktioniert wird.
Während ich meine Lieblingsmusik höre und die Maske nähe, verfliegt die Zeit. Ich habe Freude an der Handarbeit und noch mehr Freude, dass es schließlich so leicht war, um ans Ziel zu kommen.
So gehe ich wieder auf eine Gedankenreise. Diese Reise führt mich durch mein Leben. Durch das Leben der Menschen, die mir am Herzen liegen. Bis hin zur jetzigen globalen Situation. Ich verstehe stets mehr, was es aktuell mit dem Leben auf sich hat. Ich verstehe, dass ich eine Feinjustierung vornehmen muss. Und ich verstehe, die Freiheit, in der ich lebe. Trotz, oder gerade durch, verschlossener Grenzen.
Aus dem Stoff der Hose kann ich noch eine zweite Maske nähen. Ganz praktisch, wenn die eine mal gewaschen werden muss. Und auch praktisch, dieses upcyclen. Der Stoff, der jetzt meinen Mund bedeckt, hat früher meinen. Oh. Genug. Jetzt reicht’s, Großstadt-Pocahontas. Ein paar Geheimnisse des Lebens, kannst du auch einfach mal für dich behalten. Okay. Ja. Für manche Wahrheiten ist die Welt wohl noch nicht bereit. Alles mit seiner Zeit.
Auch wenn es zur Zeit Mode ist, ist meine Maske bestimmt nicht die trendigst. Jedoch ist sie von nun an ein nützlicher Reisebegleiter. Erinnert sie mich doch stets daran, was diese beiden Weisheiten bedeuten.

