I.

Mein Name ist Eincla. Im Jahre 1884 ist mein Geburtsjahr, wenn man es so nennen möchte. In Oberschlesien.

Was habe ich nicht alles gesehen. Unzählige Geschichten, die ich euch erzählen kann. Zum Lachen. Zum Weinen. Zum Nachdenken. Über 100 Jahre, die ich erlebt habe. Über ein Dutzend Jahrzehnte der Veränderung. Über ein Jahrhundert, in dem ich mich Eincla nennen durfte.

Im Archive gefunden. Jahr unbekannt.

Zuerst ein paar Worte zu mir, bevor ich euch die Geschichten erzähle, die sich abgespielt haben.

Der Name Eincla (gesprochen: Einzla) kommt daher, weil ich ein Einzelzimmer bin. In Schlesien ist das der Begriff für einen Wohnraum, wie mich. Ganz simpel: eine Eingangstür und zwei Fenster. 20 Quadratmeter. Ein Waschbecken beherberge ich. Das war’s auch schon. Doch das besondere an mir ist: meine Decke ist 3,70m hoch. Ich bin in der zweiten Etage eines Mehrfamilienhauses. Ein prächtiges Haus, dass sich an der Fußgängerzone in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes befindet. Also mitten im Zentrum. Jedoch geht meine Sicht zum Hinterhof raus. Vom Treiben auf der belebten Einkaufsstraße bekomme ich weniger mit. Was nicht bedeutet, dass ich vom Zeitgeschehen ausgeschlossen war. Ich bin mittendrin und somit ein Teil der Geschichte, die ich euch erzähle.

In der Zeit meiner Entstehung war ich auf deutschem Gebiet. Das hört sich nun unglaubwürdig an. Oder? Zwar bin ich ein Zimmer, dass euch Geschichten erzählt. Jedoch bin ich kein magisches Zimmer, dass sich von einem Ort/ von einem Land zum anderen bewegt. Das würde zu weit gehen. Wer soll mir denn dann noch meine Geschichten glauben, wenn ich behaupten würde, dass ich ein Zimmer bin, dass durch die Welt reist? Eincla, das fliegende Einzelzimmer. Na, wir behalten mal schön die Kirche im Dorf. Und mich eben in der kleinen oberschlesischen Ortschaft, die vor dem ersten Weltkrieg deutsches Territorium war.

Das schlesische Gebiet war schon immer speziell. Hier trifft die Deutsche Sprache auf die Polnische. Es herrscht hier sogar eine eigene Sprache: das Schlesische, Schlonski (śląski). Heutzutage gibt es auch eine eingedeutschte Begriffsform: schlonschakisch. Oder auch abwertend ”Wasserdeutsch“ genannt. Ob das nun eine eigene Sprache ist, oder doch nur ein Dialekt des Polnischen könnt ihr gerne mit einem Linguisten diskutieren. Ich bin nur ein Zimmer, das von meinem Leben berichtet. Weder konnte ich eine Universität besuchen, noch einer wissenschaftlichen Ausarbeitung dieses Themas beiwohnen. Doch habe ich das alles erlebt. Menschen, die stolz darauf sind ein Schlesier zu sein und sich am liebsten dieser Sprache bedienen. Personen, die je nachdem, mit wem sie sich umgeben, vom Schlesischen ins Polnische wechseln und dann weiter ins Deutsche springen. Und diejenigen die ausschließlich Polnisch reden. Und umgekehrt.

Das ist schon eine Sache für sich mit diesen Sprachen. Ihr lieben Menschen, wenn ihr doch bloß wüsstet, was das Werkzeug Sprache alles vollbringen kann. Ihr würdet sehr viel bedachter damit umgehen. Wie dem auch sei, dieses Werkzeug mache ich mir jetzt zu nutze, um mit meiner Geschichte fortzufahren.

Nach dem ersten Weltkrieg kam es zur Diskussion. Zu Aufständen. Zu Streitigkeiten. In der Region. Selbst in einer Familie schieden sich die Geister. Zu welchem Land fühlt man sich dazugehörig? Zum Deutschen Reich? Oder doch eher zu Polen? Da kann ich nur von Glück reden, dass mir dieses gespaltene Verhalten fremd ist. Ich bin nun mal Teil eines gewissen Hauses, zu dem ich gehöre. Ich könnte jetzt mit meinen Geschwistern (die anderen Räumlichkeiten des Hauses) soviel abstimmen wie wir nur wollen, doch sind wir ein Teil dieses Hauses. Wir bleiben ein Teil dieses Hauses, auch wenn sich hier strukturell etwas verändern kann. Doch dazu komme ich später.

Oberschlesien ist als sprachliches Mischgebiet anzusehen. Und es wird noch komplizierter: die Sprache, die eine Person spricht, bedeutet nicht unbedingt, dass die Person sich diesem Land dazugehörig fühlt.

Im Jahre 1921 kam es dann endlich zu einer Volksabstimmung in Oberschlesien. Zu welchem Land soll diese Region gehören? Etwa 60% der Oberschlesier waren für den Anschluss an das Deutsche Reich. 40% der Einwohner wollten zu Polen gehören.

Doch damit nicht genug. Pro-polnische Bewegungen kämpften weiter für eine komplette Angliederung an Polen.

Dieses Kapitel Oberschlesischer Geschichte ist in dieser Zeit so komplex und vielschichtig, so dass ich an dieser Stelle abkürze. Hier verweise ich, wer tiefer in die Materie eintauchen möchte, auf Eigenrecherche. Bzw. gibt es bestimmt Menschen, die fundiert über diesen Abschnitt Deutsch-polnischer Geschichte reden können, weil sie sich besser damit auskennen. Ich bin ja schließlich nur ein Einzelzimmer.

Ich springe zum Ereignis des zweiten Weltkrieges, denn die Region Oberschlesien war unmittelbar betroffen. Hier wurde sogar ein Überfall unter falscher Flagge auf den Sendeturm in Gleiwitz unternommen. Um den geplanten Krieg zu beginnen wurde von Deutscher Seite aus eine Einheit geschickt, um getarnt als Polnische Soldaten, den Radiosender in Besitz zu nehmen. Diese Art von Propaganda wurde vom Deutschen Reich genutzt, um das eigene Vorhaben in Gang zu bringen.

Über den zweiten Weltkrieg brauche ich wohl nicht viele Worte zu verlieren. Die Lager und Zwangsarbeitsstätten, die errichtet wurden, waren Deutsches Gebiet und sind jetzt ein Teil von Polen.

Im Krieg wurde die Ortschaft, in der ich lebe, von zwei Bomben getroffen. Eine davon hat bei uns eingeschlagen. Ich habe acht Geschwister verloren. Da ist sie also die strukturelle Veränderung, der ich ausgesetzt wurde. Seit dem ist das Haus nicht mehr komplett. Doch wir halten weiterhin zusammen.

Bei all dem Treiben, was außerhalb stattfand, kam ich ja noch garnicht dazu zu erzählen, was im Inneren los war. Die Geschichten, die in den vier Wänden ihr Geschehen fanden. Ach, wisst ihr was? Das erzähl ich euch ein andermal.

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