–  18.März2020 Chile. Punta Arenas –

Meine Arbeit erfordert von mir, mich ins Niemandsland zu begeben. Nach Patagonien. Feldforschung ist angesagt. Zehn Tage. Abgeschnitten vom Rest der Welt. Ein kleines Forschungsteam, bestehend aus fünf Chilenen, einem Brasilianer und drei Deutschen, begibt sich auf die Expedition. Corona, oder eben Covid19, ist ein Begriff, der noch fernab ist, von der eigenen Realität.

18.März2020 Chile. Ich bin seit wenigen Stunden wieder in der Zivilisation und verschaffe mir einen Überblick der aktuellen Lage. Nun bin ich glücklich, dass wir noch ein Hostel gefunden haben, welches uns aufnimmt. Unglaublich. Zehn Tage in der Pampa und jetzt ist alles anders.

Der Plan war ursprünglich, nach der Expedition weitere drei Wochen im Eis zu forschen. Witziger Weise würde sich das jetzt sehr anbieten. Keine Menschenseele dort. Dementsprechend keine Ansteckungsgefahr.

Aber Chile will mich loshaben. Vielleicht rüber nach Brasilien? Dort ein paar Urlaubstage verbringen? Brasiliens Schranken sind schon dicht. Es gilt die Fakten zu sortieren, Absprachen zu halten und Entscheidungen zu treffen. Und das am besten so schnell wie möglich.

So gut, wie zur aktuellen Zeit nur möglich, weiß ich um den Virus Bescheid. Alles klar. In der Hinsicht bleibe ich ruhig. Doch es ist erschreckend, wie sich die Stimmung schlagartig geändert hat. Mir ist bewusst in welcher Krise wir uns befinden.

Das Rückholprogramm nach Deutschland scheint mir Opium für das Volk zu sein. Von Punta Arenas aus, gibt es jedenfalls keine Rückholung der Deutschen. Wir drei deutschen Forscher sind nun auf uns alleine gestellt. Wir beobachten wie eine Fluggesellschaft nach der anderen ihre Flüge streicht. Wir sehen unsere Rückflugtickets in Luft aufgehen. Leider nicht durch die Luft, die uns nach Hause trägt. Mein gebuchter Rückflug wäre erst in drei Wochen. Ungern male ich mir aus, wie die Lage dann hier ist, wenn europäisch aussehende Personen schließlich jetzt schon als Pest betrachtet werden. Wir beschließen zum Flughafen zu gehen, um den nächsten Flug nach Santiago zu bekommen. Und von Santiago aus gibt es die internationalen Flüge nach Europa. Der einzige Weg nach Deutschland.

–  19.März2020 Chile. Punta Arenas –

19.März2020, fast schon der 20.März. Flughafen. Punta Arenas. Der Flughafen ist leer. Ich sehe etwa 30 Menschen im knallbunten Outfit. Funktionsjacken. Wartend, verharrend mit ihrem Rucksack. Verteilt in der Flughafenhalle.

Die Lage ist schnell überblickt. Vereinzelnd gehen noch Flieger nach Santiago. Ich treffe auf ausländische Reisende, die seit zwei Tagen vergeblich auf einen Flug nach Santiago warten. Es herrscht ein Zustand verschiedenster Realitäten. Dem Flughafenpersonal zufolge soll ich in drei Wochen doch einfach meinen Rückflug antreten. Hätte ich die Ruhe dafür, würde ich mich fragen, welche Information ich dem Personal voraus habe, um zu wissen, dass die Länder ihre Grenzen schließen und nach einiger Zeit der Flugverkehr eingestellt ist. Jedoch gebe ich meinem Impuls, heute meinen Rückflug antreten zu wollen, den Vortritt. Mit liebenswürdiger Ausdauer und freundlicher Kommunikation stehen wir drei deutschen Forscher nun auf der Warteliste. Wunderbar. So wussten wir gar nicht, dass es so eine Liste gibt. Und wir denken uns „doppelt hält besser“ und stehen zusätzlich in der Warteschlange an. Wir bleiben also an der Quelle. Sollten unsere Namen aufgerufen werden, springen wir in den Flieger. Und, sollte nur ein Name, oder gar zwei Namen aus unserer Gruppe fallen, nimmt die genannte Person den Platz im Flugzeug ein. Das ist unsere Abmachung. Von Anfang an. Mit der wir alle einverstanden sind.

Der Reflex schnellstmöglich uns auf dem Weg zum Flughafen zu machen, ist richtig gewesen. Das Smartphone verrät mir von Minute zu Minute mehr über das Weltgeschehen. Und von Minute zu Minute merke ich, dass unsere Chancen geringer werden, das Land zu verlassen.

20.März. Das Warten ist nervenaufreibend und die Situation auf das höchste angespannt. Es zeichnet sich ein Bild ab: lateinamerikanische Bürger werden im Nachrückverfahren in das Flugzeug geholt. Die Europäer bleiben da. Man möchte meinen, dass eine Bevorzugung stattfindet. Jedoch verfolgen wir drei diesen Gedanken nicht weiter. Wir schauen uns um und erkennen: Wir sind alle gleich. Wir alle haben etwas gemein. Alle, die sich nun am Flughafen befinden, haben nur einen Wunsch: nach Hause zu kommen. Und es kommen stets mehr Menschen dazu. Der Flughafen wird im Laufe des Tages immer voller.

Wir erzählen den Neuankömmlingen, die wie wir spontan einen Flug ergattern möchten, von der Warteliste und dass man am besten noch zusätzlich in der Warteschlange stehen sollte.

Mittlerweile befinden wir uns sieben Stunden am Flughafen. Zwei Maschinen, haben ohne uns den Ort verlassen. Und doch: wir sind positiv gestimmt. Weiterhin erzählen wir anderen Reisenden, wie sie am besten vorgehen können, um einen Sitzplatz zu bekommen. Wir klatschen freudig für die, dessen Name fällt, um in das Flugzeug zu steigen. Sogar für die Leute, die nach uns am Flughafen angekommen sind. Von diesen Leuten bekommen wir noch eine Umarmung zum Abschied. Als Dankeschön. Dank, dass wir diesen Tipp mit ihnen geteilt haben. Eine Umarmung, die wir trotz des Virus-Übertragungs-Risikos gerne in Kauf nehmen. Sitzen wir doch alle im gleichen Boot. Nur leider nicht im gleichen Flieger. Doch unsere Freude bleibt aufrichtig und vollen Herzens. Uns ist bewusst, wir müssen alle zusammenhalten.

Dieser Gedanke ist in unserer dreier Gruppe verankert, als ob er das selbstverständlichste auf der Welt ist. Zusammenhalt. Eine Freude für die Mitmenschen. Eine positive Einstellung. Es bildet sich sogar eine Gemeinschaft am Flughafen. Immer mehr schließen sich uns an. Immer größer wird die Gruppe, die klatscht, wenn ein Name der Warteliste aufgerufen wird. Unsere positiven Gedanken sind wohl ansteckend.

Weitere Stunden vergehen. Und noch mehr Stunden ziehen an uns vorbei. Unsere Herzensfreude, für die, die diesen Ort verlassen, bleibt erhalten. Als ob eine innere Stimme uns leitet und uns verrät, dass gute Gedanken und Menschlichkeit sich lohnen. So erahnen wir eine Belohnung unseres aufrichtigen Miteinanders. Tatsächlich. Hilfe naht. Und das überraschender Weise von Chilenen. Unsere chilenischen Kollegen, die uns wie Aussetzige behandelt haben. Waren wir doch für sie der Virus in Person. Nun macht sich sogar der Professor höchstpersönlich auf den Weg zum Flughafen, um uns zu helfen. Laut einer WhatsApp-Nachricht. Endlich. Bestimmt kann er mit seinen facettenreichen diplomatischen Beziehungen etwas ausrichten.

Wir beschließen, dass wir zu zweit in der ‚holding line‘ bleiben. Der dritte im Bunde macht sich auf den Weg, den Professor abzupassen. Wir sind gespannt. Die Hoffnung steigt, hier wegzukommen. Mag die Hilfe wohl der Funke Glück sein, den wir dafür brauchen.

Das Glück zeigt sich in Form einer Tüte. Der Professor hat sich im Auto in Sicherheit gebracht, nachdem er die Tüte ausgeladen hatte. Somit empfängt die Tüte den deutschen Forscher. Als Bonus kommt ein kurzes Gespräch durch das verschlossene Fenster hinzu. Ein Gespräch das deutlich macht, das die Tüte die versprochene Hilfe ist. Und schon verschwindet der Professor wieder.

Da ist sie also. Die Hilfe. Uns dreien bleibt nur übrig darüber zu lachen. Als ob wir in einer Komödie stecken. Wir lachen über unsere Situation. Wir lachen über die so groß angekündigte Hilfe. Wir lachen über den Inhalt der Tüte:

3 Stück Kernseife
1 Desinfektionsspray
3 Masken
3 Masken aus festem Stoff
10 Paar Handschuhe
1 Flasche Rotwein
3 Mehrweg-Kaffeebecher mit lauwarmen Kaffee
2 Packungen Milch
1 Schweizer Schokolade

Der Rotwein ist als erstes weg.

Fortsetzung folgt.

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Deutsche Fassung Geschichten des LebensLeave a Comment on Eine Geschichte über die Menschlichkeit (Teil 1)

0 Replies to “Eine Geschichte über die Menschlichkeit (Teil 1)”

      1. Das ist eine sehr gute Frage. Vielleicht weil das Virus eine ganz neue Bedrohung für alle ist und es kein “Plan” gibt damit umzugehen,oder wir leben alle viel zu gut behütet und können mit solchen Situationen,solchen Gefahren nicht mehr ….ja,gut umgehen.

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