20.März2020 Chile. Santiago. Flughafen. Früher Abend. Wir landen. Der Flughafen ist relativ leer. Etwa hundert Leute sind zu sehen. Wir gehen direkt zum Ticketschalter. Morgen gibt es einen einzigen Flieger nach Madrid. Das klingt doch gut. Weniger gut klingt, dass es nur noch Sitze in der Business-class gibt. 3000Euro pro Ticket. Ansonsten ist es ausgebucht. Puh. 3000Euro. Die spinnen doch. Wir bleiben dran. Ich komme mir vor, wie bei Scotland Yard. Wir prüfen alle möglichen Optionen, so dass uns der Rückflug, getarnt als Mister X, nicht durch die Lappen geht. Da entdecken wir eine neue Gelegenheit: Wir können unsere ursprünglich gebuchten Tickets (zur Erinnerung: mein Ticket ist erst für einen Rückflug in drei Wochen bestimmt) ”umtauschen“. Für einen Flug in zwei Tagen. Über São Paulo nach Madrid.
Nun stehen wir am Schalter, und verstehen nicht, ob Mister X sich gerade zeigt. Ich habe das Gefühl, dass wir dieses Angebot annehmen sollen. Die Frau am Schalter möchte eine Entscheidung. Jetzt hab ich’s. Ich weiß. „Lasst uns die Tickets für den Flug in zwei Tagen nehmen“, bin ich mir spontan sicher. Der zündende Funke scheint überzuspringen, auch wenn die Idee noch nicht ausgesprochen ist. Somit bekommen wir ein Ticket ausgestellt. Für einen Rückflug, der in zwei Tagen ist.
Und hier der Plan: Wir gehen morgen zum vermeintlich ausgebuchten Flieger nach Madrid. Direkt zum Check-Inn. Dort zeigen wir unsere ursprünglichen Flugtickets. Ja, mir ist schon klar, meines ist erst in drei Wochen gültig. Jedoch steht auf diesen Tickets die Verbindung Santiago – Madrid darauf. Sollten sie uns auf den Flugticket-Schalter verweisen, sagen wir, dass wir gerade daher kommen und wir direkt zum Check-Inn geschickt wurden. Ein kleiner Trick, um das System zu überlisten. Ein Versuch ist es wert, ist unser gemeinschaftlicher Gedanke. Am besten so wenige Tage wie nur möglich verstreichen lassen, damit die Chance größer ist, dass der Flug auch tatsächlich stattfindet.
Mitten in unserer Planbesprechung taucht ein befreundeter Kollege mit seiner Familie auf. Mit was für einer Wahrscheinlichkeit trifft man sich während der Durchreise am Flughafen von Santiago? Es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Die jedoch dadurch wieder reguliert wird, dass wir abgekapselt von ihnen Essen gehen. Ach ja, stimmt. Da war doch was. Abstand halten und so.
Während der Stärkung ist es an der Zeit, sich Gedanken um einen Schlafplatz zu machen. Wir können ja einfach am Flughafen schlafen. Oder im Hotel nebenan? Oder. Schon geregelt. Möglichkeit 3 ist es geworden. Hm. War da nicht was? Abstand halten, und so?

– 20.März2020 Chile –
21.März2020 Irgendwo im Nichts. Im Umland von Santiago. Auf einer Finca. Ich wache auf. Wir werden mit einem königlichen Frühstück empfangen. Schon bei unserer Ankunft am Abend zuvor, scheint es, dass wir in einem Paralleluniversum gelandet sind. Ein Wohnsitz, mitten in der Natur. Umringt von Obstbäumen. Trauben, die direkt in unseren Mündern landen. Und Hunde, in dessen Münder wir fast landen. Unser Kollege, der auf die 70 zugeht und seine Lebensgefährtin, beherbergen uns auf das Beste. Zwar war ich skeptisch, dass wir einer sogenannten Risikogruppe Besuch abstatten. Doch als wir von unserem Gastgeber mit einem breiten Lächeln und als Gag mit einer Art Infrarot-Pistole zur Fieber-Messung begrüßt wurden, lösten sich meine Bedenken in Luft auf. Er sieht das Ganze mit einer guten Portion Humor.
Das Paralleluniversum, welches uns willkommen heißt, bringt Urlaubsstimmung auf. Es lässt uns vergessen, was der ursprüngliche Plan war. Wir haben ja unsere Tickets für den Flug morgen Abend. Also können wir doch einfach heute und morgen die Seele hier baumeln lassen. Das Ausreiten mit Pferden ist möglich. Sowie auch ein intensiver Austausch zwischen Forschern für kommende Projekte. All das wird genossen und der Tag schreitet voran.
Doch mein Herz meldet sich und möchte weiterziehen. Die nächste Möglichkeit erwischen, um diesen Kontinent zu verlassen. Bevor es womöglich zu spät ist. Zum ersten Mal entsteht eine Kluft in unserer dreier Gruppe. Jedoch als es an der Zeit ist, sich zu entscheiden, finden wir einen Weg. Den gemeinsamen Weg Richtung Flughafen. Noch heute. Bedenken schwingen mit. Kommen wir in den Flieger mit unserer Taktik? Nun ist die Überlegung im Raum, ob unser Kollege am Flughafen abwartet, um uns notfalls wieder bei sich zu beherbergen, wenn es nicht klappt mit unserem Trick.
Und in mir macht sich das Gefühl breit, dass es nicht klappt. Es klappt nicht, wenn das Ziel aus den Augen verloren ist. Wenn ein Plan B bereit liegt. Plan B ist wohl der Killer des wahren Lebens. Für was braucht man einen Plan B? Wenn doch Plan A das ist, was Du wirklich anstrebst?
„Wir bekommen den Flieger heute nach Madrid! Ein Backup ist überflüssig. Wenn wir uns die Hintertür auflassen, zerstören wir unseren ursprünglichen Plan.“, denke ich mir. Und habe es auch so kommuniziert. Alles klar. Geeint sind wir wieder zurück im Spiel. Unsere Vorgehensweise wird noch einmal besprochen und die Rollen verteilt. Unser Kollege lädt uns am Flughafen ab, wünscht uns viel Erfolg und lässt uns mit unserem Abenteuer allein.
Gewappnet mit Motivation, die wieder unsere Spielfreude zum Vorschein bringt, gehen wir die Schritte in Richtung Ziel. Welches heißt: Die heutige Reisemöglichkeit nach Spanien zu bekommen.

– 22.März2020 Spanien. Madrid –
22.März2020 Irgendwas so um 20Uhr herum. Deutschland. Frankfurt. Flughafen. Geschafft. Unsere Füße betreten tatsächlich deutschen Boden. Routiniert holen wir unser Gepäck ab. Völlig übermüdet. Wir verabschieden uns, denn nun geht unsere dreier Gruppe getrennte Wege. Jede Person in seine Heimatstadt.
Bald darauf sitze ich im Zug. Wissend, dass es jetzt nur noch ein Katzensprung ist bis zum wohlig, heimeligen Bett. Ich lasse die letzte Etappe Revue passieren:
Unser Trick, den wir für den Flug nach Madrid angewandt haben, wäre beinahe geplatzt. Wie vermutet, wollten sie uns wegschicken. Doch wir hielten vollen Herzens an unserem Anliegen fest. Ein Mitarbeiter nach dem anderen kam dazu, um die Situation einzuschätzen. Eine gefühlte Ewigkeit verbrachten wir an dem Check-Inn-Schalter. Bis endlich der Mann, der vor einigen Minuten die Diskussion verlassen hatte, mit Tickets für uns zurück kam. Wir durften fliegen. Und zwar mit dem ausgrbuchten Flugzeug, welches wir angepeilt haben.
Wenn ich an diese Stunden meiner so jungen Vergangenheit denke, kommt es mir wie eine verrückte Geschichte vor. Wie wir mit den Flugtickets rumjongliert haben. Ohne einen extra Cent dazu zu bezahlen. Zwischendurch war es schwer den Überblick zu behalten, welches Ticket nun für was gültig ist. Was wir umgetauscht haben. Oder war das das Stand-By-Ticket? Mit Anschluss nach Frankfurt? In zwei Tagen? Nein. In fünf Tagen! Wie kam es eigentlich dazu, dass wir plötzlich eine Art Anschluss-Ticket in den Händen hielten? Was ein Glücksspiel. Und im Endeffekt verlief es reibungslos.
Zwei Wochen vergehen. Ich erhalte eine Email von dem ausgeschriebenem Rückholprogramm. Es wird geraten sich in Santiago zu befinden. Jedoch ist die Rückholung nur auf eine bestimmte Anzahl von Menschen beschränkt. Eine Heimkehr ist somit nicht gewährt.
Und schon wieder macht sich ein Schmunzeln breit. Ein wahres Abenteuer, dass wir erleben durften. Das so absurd war, dass wir nur noch darüber lachen können. Ein Plan, der für uns bereit lag. Wir mussten ihn nur zu lesen wissen. Ein Gefühl, welches wir erlebt haben, das zusammen alles möglich ist.
Geht man leichten Herzens die ersten Schritte Richtung Ziel, merkt man, es gibt immer einen Weg. Und diesen Weg haben wir gefunden.
Ende.


Tolle Geschichte. Und so spannend. Ich konnte nicht aufhören zu lesen. Bist du wieder in Berlin?
Herzlichen Dank für dieses wunderbare Lob.
Ich bin weiterhin wohlauf in Frankreich.
Au revoir. Auf bald. Abraços.