04.10.2020. Frankreich. Bretagne. Ich liege auf der Matratze und schaue in den Himmel. Also, wenn das Zelt mir nicht die Sicht versperren würde, würde ich in den Himmel schauen. Ja, diesmal ist mein Zuhause ein Zelt. Im Garten von Freunden.
Der Tag neigt sich dem Ende zu. Es ist Sonntag. Und auch da fällt Großstadt-Pocahontas aus der Norm: Heute wurde gearbeitet. Großstadt-Pocahontas verändert sich. Das Reisen hat Einfluss. Privat, als auch beruflich.
Ein bißchen Ruhe vor dem Sturm.
Es tut gut sich von alten Gedankenmustern zu trennen. Weniger gut tut es zu merken, welch Muster in einem so sehr eingebrannt sind, die sich schwer lösen lassen. Es sind die Muster, die einen von kleinauf prägen. Die tief verankert, hier und da ihr Unwesen treiben. Geschichten, die nicht zu Ende erzählt wurden.
Und da werde ich bei all den Geschichten dieser Welt auf meine eigene zurück geworfen. Vieles was ich erlebe, bemerke ich auch im Leben anderer, nur in einer leicht abgewandelten Form. Wir haben so vieles gemein und sehen dann oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Meine Geschichte knüpft an Deiner an. Oder Deine an meiner? Ein unsichtbares Netz verbindet uns alle miteinander. Verwoben sind unsere Geschichten. Manche in wunderschöner Harmonie zueinander. Andere voller Knoten und Verwirrungen.
Um das große Komplexe zu verstehen, mache ich mir gerne ein Bild im Kleinen. Das, was mich betrifft. Das, was ich (be-)greifen kann. Das, was mich beeinflusst. So denke ich an meine eigene Geschichte.

Ich bin im Zelt. Leichter Regen und Wind sorgt für eine atmosphärische Geräusch-Kulisse. Die erfrischende Luft bringt sprichwörtlich frischen Wind ins Geschehen.
Großstadt-Pocahontas bekommt einen neuen Anstrich. Im Hintergrund wird digital gebaut und verändert. Verzweifelt und gefeiert. Ein Umzug der Webseite steht bevor. Es ist Zeit, die Kinderstube zu verlassen und zu wachsen. Ins Ungewisse zu gehen. Etwas zu wagen. Seine eigenen Ideen in die Tat umzusetzen.
So ist es momentan beruflich bei Großstadt-Pocahontas. Und auch privat möchte eine Geschichte weiter erzählt werden. Die eigene. Und diese Geschichte führt zurück zur Familie. Und noch tiefer. Zu den Wurzeln. Zu Kapiteln, die nicht zu Ende geschrieben wurden.
Wir sind alle miteinander verbunden. Und vor allem mit der Geschichte der eigenen Familie. Ich merke, von wem ich die Liebe zur Natur, zu den Blumen habe. Ich sehe, wer mir das Geschenk gemacht hat, mit einem offenen Blick durch das Leben zu gehen. Mit Humor. Klar und bedacht. Ich weiß, wer mir (bestimmt eher unbewusst als bewusst) Arschtritte gibt. Und mir ist klar, welch Sammelsurium ich bin, voller Macken, die im Grunde nicht meine sind.
Seit einer gewissen Zeit bin ich dabei die Schatten der Vergangenheit zu beseitigen. Es sind die Schatten anderer. Schatten, die nicht zu mir gehören, doch sie sind ein Teil des Lebens. Jedenfalls waren sie es. Die Schatten sind am Verschwinden. Nach und nach wird es lichter. Nun kommt hier und da ein Schatten auf, der Aufmerksamkeit möchte. Diese gebe ich ihm. Und er verzieht sich.
Die Vergangenheit ist stets ein Teil von uns. Auch wenn es geschehen ist, können wir im Jetzt die Vergangenheit aufräumen. Dinge zurechtbiegen. Heilen. Etwas wieder gutmachen. Frischen Wind in eine alte Geschichte bringen.

Frischer Wind ist immer gut. In der eigenen Geschichte als auch auf der Welt. Ein paar Tage war der Wind in der Bretagne nicht nur frisch, sondern auch äußerst stark. Stürmische Nächte im Zelt. Das war mal etwas neues. Wenn der Wind etwas stärker gewesen wäre, würde er das Zelt samt Inhalt fort tragen.
Nun ruft eine Geschichte, die fortgesetzt werden möchte. Die frischen Wind möchte. Es ist an der Zeit das Zelt einzupacken und weiterzuziehen. Am 09.Oktober wird sich von der Bretagne verabschiedet. Langsam geht es in Richtung Heimat. In die Heimat meiner Vorfahren. Diese Geschichte braucht einfach wieder einen frischen Wind.

