Wenn ich mich für etwas entscheiden muss, was ich auf eine einsame Insel mitnehme, dann sind es die Menschen, die mir am Herzen liegen. Geschweige denn, sie möchten es.

Das Leben auf Reisen ist etwas wunderbares. Es eröffnet neue Horizonte, die, ungeahnt auf einen wartend, entdeckt werden. Und doch ist es eine der größten Herausforderung, der ich mich im Leben stelle. Losgelöst von allem mir bekannten. Für einen kurzen Moment kommen die Monate ins Gedächtnis, die ich seit Dezember erlebt habe.

Die Boote der Insel-Bewohner von Molène.

Frankreich. Bretagne. Molène. 12.September. Samstag. Zwischen 18 und 19Uhr. Eine kleine Insel nahe der Küste. Eine wirklich kleine Insel. Zu Fuß ist nach weniger als einer Stunde die ganze Insel umrundet. Und nach weniger als einer Woche sind alle Insel-Bewohner bekannt. So kommt es mir jedenfalls vor.

Diese Insel habe ich schon zuvor besucht. Eine paar Tage in Ruhe entschleunigt. Gemeinsam, zweisam entspannt. Momente, abseits genossen. Das tat gut.

Auch das zweite Mal, als ich Molène betreten habe, spürte ich sofort den anderen Rhythmus. Mit einem Freund machten wir mit seinem Segelboot ein Tagesausflug. Zwar nur ein kurzer Abstecher, doch es ist offensichtlich, dass auf dieser Insel ein grundverschiedener Takt schlägt. Und es ist offensichtlich, wer vom Festland kommt und wer auf der Insel lebt. Und auch das ist offensichtlich: ein kurzer Moment auf Molène lässt die Seele baumeln.

Und nun bin ich zum dritten Mal auf diesem wundervollen Inselchen. Wir sind zu viert, plus Hund, auf dem Segelboot übergesetzt. Wieder mit dem Boot des Freundes. Gestartet sind wir etwa vor fünf Stunden vom Festland. Ein gemütlicher Segeltörn. Der Wind hat uns gemächlich zu unserem Ziel getragen. Auch wenn es wenig Aktivitäten auf dem Segelboot gab, ist jede Handlung für mich ein Erlebnis. Entweder ich verbesser meine Fähigkeiten, oder es kommt eine neue Aufgabe für mich dazu. Auch theoretisch wird das Wissen stets aufgestockt. Und wieder zeigt es sich: Du willst zwar auf’s Meer, aber will das Meer auch Dich?

Hinter der Pier verbergen sich weitere Segelboote.

Das dritte Mal nun hier. Bekannt, jedoch ist etwas anders auf dem Wasser vor Molène. Im Hafen befinden sich mehr Segelboote als sonst. Wir sind darauf angewiesen am Pier anzulegen. Sowie auch schon andere Boote vor uns. Wir gliedern uns in die Reihe ein. Das bedeutet, wenn wir an Land möchten, balancieren wir über drei Segelboote, um die gewünschte Treppe zu erreichen. Die vielen Boote wurden, wie auch wir, von der ”Route du Pif“ angezogen. Eine Segelregatta, die zugunsten der französischen Organisation für Segelnotrettung (SNSM: Société Nationale de Sauvetage en Mer) stattfindet. Diese Regatta dient mehr dem guten Zweck und der Freude am Segeln, als dass es ein richtiger Wettkampf ist.

Feierlaune auf den Booten. Ein Urlaubsgefühl, wie auf einem Festival. Die Sonne scheint. Trotz abendlicher Stunde und dem Monat September ist es warm.

Auf Molène ist es wie gehabt. Der Insel-Rhythmus lässt sich nicht von den Besuchern beeinflussen. Eher lassen sich die Besucher auf die Insel-Mentalität ein.

Wir betreten ein Lokal. Völlig vergessend, dass es Masken gibt, zücken wir in letzter Sekunde die Stofflappen, um unseren Mund zu bedecken. Die Gründerin des Lokals hat die Leitung an ihre Tochter abgegeben. Nun sitzt die betagte Frau auf ihrem Stammplatz, redet mit den Leuten, die in den Raum kommen, schaut Quizshows im Fernseh und lässt den Tag an sich vorbeiziehen.

Schon beim ersten Besuch auf Molène war ich in diesem Lokal. Schon von Anfang an imponierte mich die dortige Eigensinnigkeit (im positiven Sinne des Wortes). Schon damals war die ältere Dame ohne Mundschutz zu sehen.

Der nächste Tag, wie sollte es anders sein, beginnt entspannt. Niemand weiß so Recht, wann es genau losgeht. Jeder genießt den Tag auf seine Weise. Kurz nach Mittag wird abgelegt und die Segelboote steuern auf das offene Meer zu. Eine Tröte ertönt. Die Segel dürfen gehisst werden. Nun geht alles sehr schnell. Die Entschleunigen vom Vormittag ist wie weggeblasen. Ein Manöver nach dem anderen, um schnittig den Wind zu nutzen. Für einen Moment fühlt sich dieser Segeltörn nach etwas außergewöhnlichen an. Danach, das schnellste aus diesem Boot herauszuholen. Was uns zu spät auffällt ist, dass die Gezeiten uns an einer Stelle verharren lassen. Andere haben schon längst den Motor angeschmissen, um voranzukommen. (Auch daran ist zu erkennen: es ist kein Wettkampf). Den Moment, den Motor laufen zu lassen, haben wir verpasst, um bei der Regatta mitzumischen. Wir bleiben hinten zurück. Mit einem anderen Boot. Auch ist unser Boot eher ein gemütliches, als dass es für ein Rennen gebaut wurde. So auch der Kapitän, der beschließt, anstatt den Zielhafen der Regatta anzusteuern, auf unseren Heimathafen Kurs zu nehmen. Ja, wie gesagt: diese Regatta ist mehr zur Freude am Segeln und der Geselligkeit gedacht, als ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen. Lustig, denke ich mir, und gehe den Segelaktivitäten und weiteren Handlungen an Bord nach.

Die Segelboote sind bereit für die Regatta.

Und wieder tat es gut auf Molène zu sein. Für einen kurzen Moment geriet der Mundschutz in Vergessenheit. Das Lächeln der Mitmenschen war sichtbar. Der Virus wurde nicht zum Diskussionsthema gemacht. Vielmehr ging es darum, Segelerfahrungen auszutauschen und bekannte Gesichter wieder zu treffen. Zu trinken, zu spaßen und zu plaudern.

Bei der Preisverleihung wurde nicht nur das schnellste Boot gekürt, sondern es wurden auch Witz-Preise vergeben. Unser Käptn erhielt einen besonderen Titel: Der beste Philosoph. Weil er nachts noch am Reden war, als alle schon schliefen.

Und auch an diesem Wochenende überkamen mich Momente an denen ich meine Freunde und Familie herbei sehnte. Kurze Momente für die ich alles geben würde, um sie mit meinen Herzensmenschen zu teilen. Momente, die ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Momente, die ich mir so auf einer verlassenen Insel in geselliger Runde vorstelle.

Für einen kurzen Moment halte ich inne. Ich schaue mich um: da ist er, der Herzensmann mit dem ich jede noch so einsame Insel unsicher machen kann. Und es stehen uns abenteuerliche Zeiten bevor.

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Deutsche Fassung Die Reise3 Comments on Für einen kurzen Moment

3 Replies to “Für einen kurzen Moment”

  1. Hey Du liebe – schöner Beitrag !! wäre schön wenn ich Deine tollen Beiträge als Abendlektüre lesen könnte, dafür kannst du mich bitte in den Verteiler aufnehmen. Es kommt immer an die Heilpraktiker Adresse und da habe ich so viel mit den Klienten Reisen zu tun und viel zu wenig für Deine tollen Reiseerlebnisse Zeit. Ich freue mich so sehr!!!!

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