Nachdem wir das Sommerhaus aus dem Winterschlaf geholt haben, ging es wieder in die Stadt. Die Wohnung, die ich seit einiger Zeit mein Zuhause nennen durfte, habe ich aufgeräumt. Meinen Rucksack gepackt. Die Wohnung verlassen. Den Schlüssel übergeben. Mich verabschiedet.

17.Februar: Als wäre es ein Vorbote gewesen: ”closed“. Eine geschlossene Wüste. Das Schild hat mich zum Lachen gebracht. Hat die Wüste es denn für sich selbst beschlossen und das Schild aufgestellt? Was passiert, wenn ich diesen Hinweis missachte? Ist die Wüste dann böse mit mir? Wie zeigt sich die Wüste mir, wenn sie offen ist?

16.April: Das Sommerhaus an der Nordküste hat mich wieder. Diese Wohltat gegen die Stadt einzutauschen, war eine leichte Entscheidung. Es sieht ganz danach aus, als ob ich den Sommer in Ägypten verbringen werde.
Die Tage hier sind entspannt. Tiefenentspannt. Mit dem Meer vor der Nase und einem wortwörtlichen Privatstrand sind wir hier für uns. Vereinzelt ist eine Person zu sehen. Meist ein Gärtner, der sich mehr oder weniger um die Grünflächen kümmert.
Anhand der Pflege der Gärten ist abzuschätzen von welchen Personen die Häuser bewohnt werden. Ein tip-top gepflegter Rasen, saftiges Grün der Pflanzen im Garten – ganz klar: das Haus des Managers dieser Wohnanlage. Und da neben. Genauso in Schuss: das Haus seines Sohnes. Gegenüber: ein vernachlässigter Garten. Mit vetrocknetem Rasen. Kaptuttem Gartenzaun. Wohl weniger einflussreich. Obwohl alle Gärten hier genormt sind, sind dann doch diese riesengroßen Unterschiede sichtbar. Weniger sichtbar, sind die Besitzer der Häuser. Zur Zeit sind alle benachbarten Häuser leer. Die Fensterläden sind geschlossen.
Geschlossen ist mittlerweile so viel. Nicht nur die Fensterläden und die Wüste. Es ist gar so, als ob über der ganzen Welt ein Schild hängt: ”geschlossen“. Restaurants geschlossen. Schulen geschlossen. Sehenswürdigkeiten geschlossen. Flughäfen geschlossen. Grenzen geschlossen. Einfach mal alles dicht gemacht. Selbst die Gesichtsmasken sagen uns, dass wir den Mund geschlossen halten sollten. Eine Botschaft, die dadurch entsteht: Es wurde zu viel Geredet und zu wenig in die Tat umgesetzt. Es wurde zu wenig gedacht, bevor geredet wurde.
Die Verschlossenheit, die in den Köpfen der Menschheit herrschte, zeigt sich nun in der Geschlossenheit in unserem Umfeld. Social distancing war schon längst Gang und Gäbe in unserer Gesellschaft, bevor es nun verordnet wurde. Immer mehr alleinstehende Personen. Zuviel Karrieregedanken. Weniger nachbarschaftliche Verhältnisse. Kreise, die unter sich bleiben. Neue Gedanken bleiben verwährt.
Als Reisende wird mir Eintritt gewährt in fremde Welten, zu unterschiedliche Mentalitäten und neue Kulturen. Oberflächlich gesehen ist alles anders. Und doch haben wir alle eins gemein. Und wir können uns alle miteinander verständigen: Mit der Sprache des Herzens.
Das ist in den Hintergrund gerückt. Vergangene Zeiten erzählen Geschichten vom Gegeneinander, Ellebogengesellschaften, Habgier, das Recht des Stärkeren, Ungerechtigkeiten. Diese alten Geschichten haben schon lange keinen Platz mehr. Und somit wird uns jetzt ein Spiegel vorgehalten.
Diesmal sitzt die ganze Erde zusammen in einem Boot. Es geht um’s Miteinander. Die Sprache des Herzens wieder zu verstehen. Egal wer vor einem steht.
Und noch stehen wir vor einer großen Herausforderung. Jeder für sich. Und alle zusammen: wie offen sind und bleiben wir für diese Veränderung in der wir sind?

Behalte die Balance: Sei offen, auch wenn alles um Dich herum geschlossen hat.
– Großstadt-Pocahontas
Die Erde fordert eine Verschnaufspause ein. All dass, was uns vom wahren Kern des Lebens abgeschnitten hat, hat geschlossen. Alle Ablenkungen, die existierten, sind wie ausradiert. Und auf diesem weißen Blatt, welches wir vor uns haben, entsteht Neues. Noch ist es zart und nicht offensichtlich. Jedoch deutet es sich an.
Für unsere Generation ist das der größte Wandel, in dem wir uns befinden. Es ist eine immense Herausforderung, mit der wir konfrontiert sind. Ein globaler Ruck, der alle Generationen betrifft.
Das, was ich vor zwei Monaten die Wüste gefragt habe, frage ich nun Dich: Wie zeigst Du Dich der Welt, wenn Du offen bist?

