Ägypten, 12.Juli2020, 6Uhr morgens.
Ich werde von einem Freund an den Flughafen gefahren. Mittlerweile gehöre auch ich zu der Familie und somit ist er wie ein ägyptischer Onkel für mich.
Nach fast fünfeinhalb Monaten ist es nun an der Zeit Ägypten auf Wiedersehen zu sagen. Was für eine besondere Phase ich doch in diesem Land verbringen durfte. Wundervolle Menschen, die ich kennengelernt habe. Sie hießen mich herzlich willkommen und brachten mir ihr Land näher. Freudigen Herzens und dankbar bin ich bereichert mit unzählig schönen Erinnerungen.
Und freudigen Herzens ziehe ich nun weiter. Ein Herz ruft mich in Frankreich. Und mein Herz folgt.

7Uhr morgens. An Kairos Flughafen angekommen.
Ich habe im Internet gelesen, dass ich ein Dokument ausfüllen muss, um in Frankreich einzureisen. Dieser neuen Pflicht komme ich nach, um als braver Flugpassagier meine Reise antreten zu können. Also: ausgedruckt und ausgefüllt. Auch sonst möchte ich mich für den Flug den neuen Begebenheiten anpassen. Da aber online unterschiedliche Informationen auftauchen, was die Regelung zwischen Deutschland und Frankreich (geschweige denn mit Europäern die aus Ägypten anreisen, angeht), picke ich mir doch das raus, was zu meinem Vorhaben passt: Deutsche dürfen nach Frankreich einreisen. Mit dieser Info gehe ich frohen Mutes zum Check-Inn-Schalter.
Meine Fröhlichkeit verschwindet schlagartig, als der Mann bei der Gepäckaufgabe mich nach meinem Anschluss-Ticket nach Deutschland fragt. Mist. Hier herrscht die Info: ohne Ticket ins Heimatland, kein Flugantritt gestattet. Ich erinnere mich an die drei Helden aus ”Eine Geschichte über die Menschlichkeit“ und lege los. Der Flughafenangestellte bekommt meine Herzensgeschichte zu hören. Und warum ich nun nach Frankreich muss. Verständnis äußert sich in seinem Gesicht. Nur hat er nicht das Sagen. Der Mann greift zum Hörer und schon ist er in einer Konversation. Diese klingt eher danach, als ob er sich zum Kaffee verabredet, als dass er meine Angelegenheit klärt. Mein Kopf beginnt zu überlegen, wie ich nun am schnellsten ein Anschluss-Ticket herbekomme. Mein Herz bleibt standhaft.
Der Herr hat das Gespräch beendet und wendet sich an mich: „You are allowed to take the flight. BUT! When someone is asking you about a connecting flight, tell them you got one.“. Abgemacht. Mit all meinem spärlichen ägyptischen Wortschatz bedanke ich mich für diese Lösung. Ich bin schon jetzt am Fliegen so groß ist die Vorfreude bald in den Armen meines Herzensmannes zu sein. Doch eine zweite Hürde kommt noch, welcher ich mir bewusst bin: Die Ausweiskontrolle.
Mit dem Visum, das ich zur Einreise kaufen musste, durfte ich nur einen Monat in Ägypten bleiben. Ich dachte drei. Nun ja. Wie dem auch sei: Das fällt wohl jedem direkt auf, dass Februar ein paar Monate entfernt von Juli liegt. So auch dem Behörden. Und wer länger bleibt, muss bei der Ausreise bezahlen. Das möchte dieser Herr mit einem ernsten Gesicht wohl auch durchsetzen. Doch das lasse ich nicht auf mir sitzen. „Since February you are in Egypt?“. „Yes.“ „But you are only allowed to stay for one month.“. „Yes, I know.“. „So this means, you stayed longer, and you have to pay.“. „The borders were closed. There have been no flights. How could I leave earlier?“. „Since one week there are flights”. „And that’s why I’m going. Now! “. Stille kehrt ein. Der Mann hat weder Lust mir ins Gesicht zu schauen, noch etwas zu sagen. Schweigsam gibt er mir den Ausreisestempel und folglich meinen Pass zurück. Ich bedanke mich herzlich und wünsche einen schönen Tag. Das wird nicht erwidert.
Lustig. Vielleicht weiß er, dass ich etwas geflunkert habe: Ich dachte ja, ich kann 90Tage mit dem Visum in Ägypten bleiben. Und der Flugverkehr war bis Mitte März nach Deutschland noch normal. Nur war es fernab von meiner Reise-Mentalität, den nächsten Flieger dorthin zu nehmen. Und irgendwas sagte mir, dass ich in Ägypten bleiben soll und dass ich dort gut aufgehoben bin. So war es ja dann schließlich auch.

Nach der Passkontrolle läuft alles wie am Schnürchen. Nur eben ungewohnt. Diese Maskenpflicht. Und die ganze Unlogik, die damit einkehrt. Kann mir mal jemand erklären, warum eine Maskenpflicht im Flugzeug herrscht, wenn die jeder bei der Mahlzeit abnimmt? Und auch ungewohnt, in einem so ”leeren“ Flugzeug zu sitzen. Echt angenehm.
In Frankreich angekommen, gehen die Stewardessen mit einem Spray durch die Reihen. Soll wohl zur Desinfektion dienen. Und am Flughafen bei der Passkontrolle interessiert es niemanden, woher ich komme und warum ich nach Frankreich einreise. Und meine ausgedruckten Formulare möchte auch niemand sehen. Echt seltsam, wie es jedes Land für sich regelt. Als ob ein Virus Grenzen und Staatsangehörigkeit kennt. Aber schön, dass es so unkompliziert bei der Ankunft ist.
Schwupp-di-wupp gehe ich leichten Schrittes mit meinem Gepäck zum Ausgang. Dorthin, wohin mein Herz mich geführt hat. In die Arme, die mich empfangen. Auf französischen Boden.


