Das Leben zeigt sich durch das Reisen in seiner ganzen Vielfalt. Welch unterschiedliche Räume ich schon mein Zuhause nennen durfte. Eine Unterkunft für Skipper in Tunesien. Ein Katamaran auf dem Mittelmeer. Eine Finca in den Bergen Italiens. Ein Boot in Frankreich. Eine Pension in Tunesien. Eine Airbnb Wohnung und ein Ein-Familien-Haus in Ägypten. Und weiterhin in Ägypten nun eine Wohnung in der Nähe der Pyramiden.

Trotz Smogg sind die Pyramiden zu sehen.
Die Vielfältigkeit, die ich durch das Reisen erlebe, zeigt sich mir in Ägypten im Besonderen.
Ich weiß garnicht, wo anfangen. Deshalb beginne ich mit dem, was am offensichtlichsten ist: die Häuser.
Die unterschiedlichsten Lebensbereiche von so vielen unterschiedlichen Menschen.
Kairo. Das Stadtbild erzählt von dessen Bewohnern. Die verschiedenen Stadtteile sind von den Menschen geprägt. Von high class, bis hin zum Armutsviertel. In Ägypten gibt es alles. Und das wird in Kairo ganz offensichtlich vor Augen geführt. So viele unfertige Häuser. Einstöckig, zweistöckig, dreistöckig – ohne Ende in Sicht. Denn es kann ja noch aufgestockt werden. Es ist Tradition, dass der Mann eine Unterkunft in die Ehe ”mitbringt“. So bauen manche Familien ein Stockwerk aus, wenn der Sohn heiratet. Dort wohnt er dann mit seiner eigenen Familie. Generationen einer Familie alle unter einem Dach. Nur dass es kein Dach gibt. Es kann ja noch eine Generation dazu kommen. Die Menschen bauen, an jedem Platz. Auch wenn es unmöglich scheint zu bauen. Fernab deutscher Vorschriften: Ohne Baugenehmigung. Die mehrstöckigen Häuser sind in manchen Stadtteilen unverputzt. Satellitenschüsseln am Gebäude weisen darauf hin, dass sie bewohnt sind. Mittlerweile hat das “wilde” Bauen so ein Ausmaß genommen, dass die Stadt es nun eindämmen möchte. Es ist geplant, dass ganze Wohnstreifen umgesiedelt werden. Ein Abreißen vieler Zuhause. Teilweise sind schon Häuser mit ausgerissenen Böden zu sehen. Ein Verhindern der Stadt, dass in diesem Haus gewohnt wird. Es ist ja schließlich ohne Baugenehmigung entstanden.

Als ob es nicht schon skurril genug ist: Häuser so zu zerstören, so dass niemand darin wohnen kann. So finden in den Häusern noch skurrilere Geschichten statt. Auch wieder fernab deutscher Vorschriften. So kommt mir eine Geschichte zu Ohren, die keine Seltenheit hier in Ägypten ist. Eine Komödie sondergleichen: ein Ägypter war für ein paar Monate im Ausland. Er ist zurück gekommen und hat kein Schlafzimmer mehr. Der Nachbar hat einfach die Wand eingeschlagen. Und somit seine Wohnung um ein Zimmer erweitert. Und nun ist anstatt eine Tür, eine Wand zum ehemaligen Schlafzimmer der Ägypters. Umrisspläne seiner Wohnung gibt es nicht. Es sieht ganz so aus, als ob der Ägypter mit der Verkleinerung seiner Wohnung leben muss. Kein Einzelfall.

Es geht weiter. In ein Stadtteil Kairos, der inoffiziell nur ‘Garbage-City’ genannt wird. Ein ganzer Stadtteil, zu dem der Abfall Kairos transportiert wird. Ein Stadtteil, dessen Arbeit es ist, den Müll zu trennen. Ein Stadtteil, der mit dem Müll lebt. Unvorstellbar. Wohnhäuser. Läden. Streetfood. Cafés. Und Berge von Müll. Mal sortiert und gebündelt. Mal ein Haufen Müllsäcke. Und dazwischen spielen Kinder. Diskutieren Männer. Essen Familien zu Mittag. Verkaufen Frauen Obst. Ein Auto, vollbeladen, nach dem anderen. Der Müll bettet sich entlang der Straßen und Gassen. Der Geruch schwebt über die Straßen hinaus. Bahnt sich aufdringlich den Weg in die Lungen. Und die Menschen in Garbage-City: Leben dort, als ob es so natürlich ist, vom Müll umringt seinen Kaffee zu genießen, als ob man im Park sitzt.
Ein Kontrast dazu bietet Beverly Hills in El Sheikh Zayed City. Ein Compound wie eine Kleinstadt. De luxe. Eine Wohnanlage, in der es womöglich alles gibt. Die man nicht verlassen muss. Ummauert. Schranken und Sicherheitspersonal regeln den Zutritt. Die Häuser, in dem die Menschen wohnen, sehen teilweise aus wie kleine Paläste. Einkaufs-Malls mit allem was man zum Leben braucht. Und noch viel mehr. Ein Golfplatz. Fitnessstudios. Friseursalons. Cafés. Gepflegter Rasen. Palmen. Springbrunnen. Gehwege zum Flanieren. Eine Wohn-Oase der besonderen Art.
Weiter geht’s nach Gizeh. In die Stadt, in der ich zurzeit lebe. Hier sind die berühmten drei Pyramiden. Auch hier herrscht das ”wilde“ Bauen. Jedoch: Es gibt einen Baustop. Angeordnet von der Stadt. Ein Verhindern, dass die Menschen auf den Pyramiden wohnen. Zum einen mag dieses Verbot zum Schutz der Pyramiden sein. Zum anderen, weil das Gebiet um die Pyramiden noch Schätze verbergen könnte. Diese wurden jedenfalls hier und da entdeckt beim Hausbau. Es erstaunt mich sehr, dass die Straßen, Wohnungen, Restaurants und Hotels so nah an den Pyramiden angrenzen. Eine Schranke, die zum Parkplatz führt. Vom Parkplatz, durch den Sicherheitsbereich. Und schon ist man im Reich der Pyramiden. Mit dem Sahara-Sand unter den Füßen.
Der Sahara-Sand ist auch unter meinen Füßen, wenn ich aus dem Haus gehe. Keine geteerten Straßen. Staubwolken, sobald ein Auto vorbeisaust. Wobei die Autos in meiner Straße eher gemächlich fahren. Es sind die Tuk Tuks die durch die Gegend sausen und den Sand aufwirbeln. Als ich das Haus verlassen habe, habe ich Bauarbeiten gehört. Als ob jemand in meinem Haus eine Wand einreißt. Ich hoffe, dass mein Schlafzimmer dann noch da ist, wenn ich nach meinem Einkauf zurück komme.

