
Die Nacht löst den Tag ab. Beides existiert im harmonischen Wechsel. Beides ist wahr. Und beides brauchen wir. So auch den Traum, der die Realität ablöst.
— Großstadt-Pocahontas.
06.01.2020 Ich bin mit dem Fernbus am Morgen in Marseille angekommen. Ein Skipper, den ich in Tunesien kennengelernt habe, überlässt mir sein Boot zum Übernachten. Im alten Hafen. Umringt von Sehenswürdigkeiten. Der Touristen Hot-Spot überhaupt. Und ich mittendrin. Auf einer Ruhe-Insel, nur für mich. In Momenten wie diesen frage ich mich, ob ich träume.

Ja, “Ruhe-Insel”. Das ist das Stichwort. Nach all der Zeit bin ich nun für mich. Kann Revue passieren lassen, was bis jetzt geschehen ist. Noch fühlen sich die vergangenen Erlebnisse so unreal an. Aber doch: es ist wahr. Fotos dokumentieren das Geschehene. Die Realität der Vergangenheit ist digital festgehalten. Ich sortiere diese Existenz nach Orten. Nur gelungene Fotos kommen in die entsprechenden Ordner. Die anderen lösche ich. Es ist interessant, den eigenen Weg noch einmal zu gehen – in Gedanken. Das, was ich bis jetzt erlebt habe, hätte ich mir nie erträumen lassen.
Es ist, als ob ich am 10.12.2019 einen Weg eingeschlagen habe, der mich willkommen heißt. Die Welt möchte entdeckt werden und empfängt mich mit offenen Armen. Ich begreife den Platz, den ich damit eingenommen habe, noch nicht. Es fühlt sich nach einer fremden Vertrautheit an. Jedoch irgendwie schön. Irgendwie musste das alles so kommen. Irgendwie ist es genau richtig so, da wo ich jetzt bin. Und wo bin ich jetzt?
Es ist der 14.01.2020. Der letzte Tag in Marseille. Seit meiner Ankunft habe ich mir Zeit genommen. Ruhe. Zum Begreifen. Zum Schreiben. Mich zu sortieren. Zu genießen. Zu verstehen. Realität vom Traum zu unterscheiden. Zu wählen, was ich leben möchte. Und da fällt der Groschen: ich habe schon längst gewählt. Ganz bewußt. In Ruhe. Vor einiger Zeit. Mit einer Menge Mut. Und zwar eine Realität, die sehr träumerisch ist. Eine Realität, in der die Phantasie regiert. Eine Realität, die mit Kreativität gefüttert ist. Eine Realität die nach den Gesetzen der Natur lebt. Eine Realität, die aus dem Eigen entspringt. Eine Individualität, die nach eigenen Vorstellungen lebt: Ein authentisches Sein. So wurde mir klar: Der Tag, an dem ich die Reise begann, ist nicht einfach nur “der Tag, an dem ich die Reise begann”. Der Tag ist wie ein zweiter Geburtstag. Ich erblickte zum zweiten Mal das Licht der Welt. Ein Licht, welches mich durch die Traumwelten begleitet, damit ich den Bezug zur Realität behalte. So träume ich mich also ganz bewusst durch die eigene Realität. Oder soll ich doch lieber sagen: So realisiere ich ganz bewusst meine Träume. Es ist ein Wechselspiel von Realität und Traum. Beiden gehört gleichermaßen Beachtung geschenkt. Was wären wir ohne Träume? Und was wären Träume, würden sie sich nicht in der Realität zeigen? Könnte ich wählen und ich würde mich ausschließlich für das Träumen entscheiden – woher weiß ich dann, daß ich träume, wenn es keine Realität gibt?

Aus der Traum. Genug mit dem Gerede von Realitäten, die sowieso individuell unterschiedlicher nicht sein könnten. Jetzt klopft meine Realität an. Sie hämmert regelrecht. Sie bringt Trubel. Und sie veranstaltet einen Freudentanz der Gefühle. Es ist soweit. Meine Realität heißt “Atlantik-Überquerung” und sie steht gerade vor der Tür. Am 15.01.2020 ist nun endlich das Boot startklar. Aller Voraussicht nach, setzen wir in den kommenden Tagen die Segel. Ja, diesmal segeln wir: von Tunesien in die Bahamas. In die Bahamas! Auf dem Segelboot! Ein Traum! Kann mich mal jemand zwicken?


Du Poetin. Danke, dass Du auf diesem Wege mit uns teilst. Während ich diesen Kommentar verfasse, segelst Du in Richtung Bahamas. Quer über den Atlantik. Das musste ich mir nochmal vergegenwärtigen und auf der Karte angucken. Verrückt. Gute Reise weiterhin!
Herzlichen Dank für Dein Kommentar.