Am 19. Februar bin ich in die leerstehende Wohnung gezogen. Schlüsselübergabe. Rucksack abgelegt. Es ist Zeit, sich um das Abendessen zu kümmern. Also, los geht’s. Einkaufen.

Der Supermarkt ist nur ein paar dutzend Schritte von meiner Wohnung entfernt. Prima. Da gibt es bestimmt alles. Und das gesammelt an einem Ort. Es gibt zwar auch -zig andere Läden mit allem was der Magen begehrt, in meiner Umgebung. Doch so ein Supermarkt scheint mir momentan am meisten geeignet zu sein. In Anbetracht meines sperrlichen ägyptisch Vokabulars. Und das im Supermarkt ein Schlendern und eine Selbstbedienung möglich ist. Ohne Kontaktaufnahme.
Die Beschriftung der Produkte ist auf Arabisch. Die Buchstaben kann ich lesen. Und es macht mir Freude. Wie ein Kind, das gerade lesen gelernt hat. Ich verbinde die Buchstaben zu einem Wort. Manche Wörter kommen mir bekannt vor. Und so gut wie alle anderen Wörter sind völlig neu für mich. Und manche unaussprechlich. Ach halt. Einen Buchstaben verwechselt. Ja, jetzt macht das Wort Sinn. Die Sprache hat seine eigene Schwierigkeit. Vokale wie E, I und U werden als Zeichen geschrieben. Nur werden diese Zeichen weggelassen. Ein Sprachgefühl muss entwickelt werden, um die richtigen Vokale an den richtigen Stellen einzusetzen. Da mein Sprachgefühl da noch unterentwickelt ist, ist es eher ein Raten. Ein fröhliches Raten, wie das Wort wohl ausgesprochen wird. Die Ziffern sind auch anders. Na toll. Manche Zahlen habe ich vergessen. Ist das nun eine acht, oder eine neun? Oder ist es eine vier? Ah. Zum Glück stehen nebendran die Zahlen, wie sie mir bekannt sind. Ich steuer direkt das Obst und Gemüse an. Es sieht so aus, als ob nur das da ist, was Saison hat. Schon mal gut. Eine kleine aber feine Auswahl. Nur kommt es auch aus مسر(Masr)? Diesen Schriftzug kann ich nirgends entdecken. Ja, wird schon aus Ägypten sein. Ich wähle mir etwas aus. Lege es in den Einkaufskorb. Schlender weiter. Ich höre ein Pfeifen. Ungewöhnlich im Supermarkt. Sonst reagiere ich nicht auf Pfeiflaute. Doch ich ordne es als Ausnahmezustand ein. Wider meiner Gewohnheit, drehe ich mich um. Ein Mann, der neben einer Waage steht, winkt mich zu sich. Alles klar. Dann gehen wir mal wiegen. Mein loses Obst und Gemüse purzelt im Einkaufskorb rum. Nach und nach gebe ich ihm meine Auswahl. Ich sehe, wie er für jedes unterschiedliche Obst und Gemüse eine Plastiktüte zückt. Oh nein! Bitte nicht. Ich sage ihm auf Englisch, dass ich keine Plastiktüte möchte. Er versteht kein Englisch. Sogleich ruft er einen Arbeitskollegen. Auch dieser versteht mein Anliegen nicht. Ich wende meine pantomimischen Künste an. Doch dieses wirft noch mehr Fragen auf, in den Köpfen der Supermarkt-Angestellten. Ehe ich mich versehen habe, bin ich mittendrin: ich wollte doch unauffällig meinen Einkauf erledigen. Und nun stehe ich da. Mit meiner außergewöhnlichen Verhaltensweise auf Plastiktüten zu verzichten. Eine Verhaltensweise, die wohl nur von einer Ausländerin kommen kann. Da ich hier weit und breit die einzige bin, befürchte ich, dass diese Bitte zum ersten Mal an dieser Waage auftaucht. Der Supermarkt-Angestellte sagt mir, dass er es wiegen muss. Ja, gut. Soweit haben wir uns verstanden. Dann nimmt er eine Plastiktüte und zeigt mir, dass er die Aufkleber auf die Tüte machen muss. Da sage ich, dass er alle Aufkleber auf die Tüte kleben kann, die jetzt schon einen hat. Unverständnis. „Was will die Frau?“, steht in seinem Gesicht geschrieben. Ein Kunde kommt dazu. Einer, der der englischen Sprache mächtig ist. Er vermittelt. Alle Aufkleber werden auf eine Tüte geklebt. Ein Vorgang, der Premiere feiert in diesem Supermarkt. Der Angestellte schüttelt den Kopf und lacht. Ich lache auch. Macht sich doch eine Erleichterung breit, der Plastiktütenflut entgangen zu sein. Nach meinem dritten „شكراً“(shukran), fragt der Mann an der Wiege lachend, ob das das einzige Wort ist, was ich auf Arabisch kann. Na toll, jetzt noch eine Vokabelabfrage. Zu viel Action für einen Supermarkt Besuch. Für mich jedenfalls. Momentan. Knurrt ja schon langsam der Magen. Ich beschränke meine Glanzleistung in der arabischen Sprache auf ein paar Vokabel, die ich preisgebe. Und ja, auch „Shukran“ (Danke) ist dabei. So, geschafft. Eine Tüte verziert mit Aufklebern und mit dem purzelnden Obst und Gemüse im Korb geht es weiter. Ich denke mir, dass ich das schlimmste überstanden habe. Puh. Ich atme durch. Tee, Nudeln, Gewürze und Öl landen noch im Einkaufskorb. Ich freue mich, meinem Abendessen einen Schritt näher zu sein. Doch zu früh gefreut. Da ist er: der Endgegner. Die Kasse. An jeder Kasse steht, neben dem Kassierer, ein weiterer Angestellter, der alle Einkäufe in Plastiktüten packt. Ich bin nun so weit gekommen. Werde schwach. Bin ich etwa am Einknicken? Ergebe ich mich der Tütenflut? Ich atme tief ein und aus. Sammel Mut. Ziel ist es mit der einzigen Plastiktüte, die schon ungewollt in meinem Besitz ist, den Supermarkt zu verlassen. Ich schreite mutig zur Kasse.

Mittlerweile kennen mich die Supermarkt-Angestellten. Ich werde gegrüßt und angelächelt. Einer kennt sogar meinen Namen und meine Herkunft. Und auch ich habe die Herkunft herausgefunden: Teilweise kommen die Äpfel aus Südtirol. Doch eine Apfelsorte kommt aus مسر. Und die Aufkleber kommen alle auf eine Tüte. Und die Einkäufe in diese Tüte. Alles zusammen. Mit nur einer Tüte verlasse ich den Supermarkt. Und zwar mit der Tüte, die ich selbst mitgebracht habe.
Nach und nach gehe ich zu den Läden in meiner Nachbarschaft. Zum Obst- und Gemüsehändler. Zum Bäcker. Zum Konditor. Da geht das Spiel von vorne los. Das Spiel welches heißt: wie vermeide ich Plastiktüten, oder reduziere es auf ein Minimun.


Hahaha da werden Erinnerungen wach. Deine Erzählungen machen richtig Spaß und erinnern mich an die vielen kleinen wunderlichen Situationen in der Fremde, die man, nachdem sie zum Alltag geworden sind, nicht mehr wahrnimmt – die es aber lohnt zu bestaunen und sich immer wieder aufs neue beeindrucken zu lassen… auch in der Heimat.