
24.01.2020 Nun gut. Ich ergebe mich. Im Leben kann ich nichts erzwingen. Ich lasse den Gedanken los, auf einem Segelboot die Bahamas anzusteuern. Dinge, die nicht in meiner Macht stehen, sprechen dagegen.

28.01.2020 Liebe Mitreisenden, fragt mich nicht mit klar, trainiertem Verstand: „Warum geht’s jetzt nach Ägypten?“. Sagt bitte nicht: „Du wolltest doch nach Lateinamerika!“. Ja. Stimmt. Aber was soll ich machen, wenn Ägypten jetzt ruft? Ein Land so mystisch wie kein Zweites. Jahrtausend alte Geschichte genau vor der Nase, die noch immer rätselhaft scheint. Das Begehen der Pyramide mit einer Meditationsgruppe. Und eine Freundin aus Deutschland vor Ort. Seit langem wollten wir gemeinsam in Ägypten Zeit verbringen. Nun ist es soweit. Die Segelboot-Situation ist verzwickt. Die 3-er Segelcrew löst sich auf. Ab heute geht jeder seines Weges. Und ich entscheide mich für Ägypten.

01.02.2020 Tunesien. Es ist 7Uhr morgens. Ich mache mich fertig. Kurz darauf bin ich im Frühstücksraum. Die Segelcrew ist schon am Kaffee trinken. Beide sind gestern Abend wieder zurück gekehrt. Ein letzter Versuch heute mit dem Segelboot zu starten. Ob sich das mit den Papieren endlich geregelt hat? Ein kurzer Austausch und schon sind sie auf dem Weg Richtung Hafen. Mit meinen Wünschen im Gepäck, das es klappt. Ich habe noch etwas Zeit. Zeit, bevor es los geht. Los, nach Ägypten. Ich frühstücke. Rede mit meiner neu gewonnenen “tunesischen Familie”. Schreibe an diesem Beitrag. Um 15Uhr ist mein Flieger. Etwa zweieinhalb Stunden sind es bis zum Flughafen. Mir wurde gesagt, ich soll um 9Uhr los. „Nun gut“, denke ich mir, „Lieber zuviel Zeitpuffer, als das hinterher Stress aufkommt.“
9Uhr. Ich werde ins Stadtzentrum gebracht. Von hier aus soll ich ein Taxi-Bus nach Tunis nehmen. Ein paar Minuten später, kaum im Zentrum angekommen, ruft der Fahrer aus dem Auto raus. Es ruft zurück. Wir halten vor einem Neun-Personen-Bus. Ich versuche irgendein mir bekanntes arabisches Wort aufzuschnappen, um die Situation einzuordnen. Tunis! Na, das hört sich doch gut an. Ich steige aus. Lade meinen Rucksack in den Minibus. Entweder stehen mir die Fragezeichen ins Gesicht geschrieben, oder es ist mein europäisches Aussehen, dass mich ein junger Tunesier anspricht. Ich frage mit meinem Schul-Französisch, dass ich hier in Tunesien stückweise ausgekramt habe, ob der Bus ins Zentrum von Tunis fährt. „Qui.“. „Quand?“. Okay, es wird kompliziert. Die Antwort habe ich nun nicht verstanden. Ich wechsel auf Englisch. So kommt zur Antwort: „Nine person in bus.“. Das ist also die Antwort auf meine Frage ‘Wann’. Okay, verstanden. Nicht ganz begriffen, aber egal. Und die Frage von ihm gleich darauf: „Friends?“. Okay. Ähm. Was? „Friends. Facebook.“ Ach so. Verstanden. Was soll’s. Er scheint ungefährlich. Die Freundschaftsanfrage an mich ist raus. Er wünscht mir gut gelaunt auf arabisch eine gute Reise und geht. Mit einem Facebook-Freund mehr, setze ich mich in den Bus. Zehn Dinar sind dafür einkalkuliert. Noch einmal zehn für das Taxi von Tunis zum Flughafen. Und zehn Dinar, falls etwas außer Plan läuft. Umgerechnet mit zehn Euro in der Tasche sitze ich also im Bus. Mit drei Frauen. Es sind also weitere vier Plätze für Mitfahrer frei. So langsam dämmert es mir. Ich erinnere mich an Namibia. Dort saß ich einmal einen halben Tag im Bus, bis endlich der letzte Platz besetzt war und die Fahrt los ging. Damals war es mir gleich, wann der Bus startet. Damals. Inzwischen haben wir 9:45Uhr. Noch eine Frau kommt dazu. Geduld ist angesagt. Der Motor wird gestartet. Ich sehe noch drei freie Plätze. Kann das sein? „On y va?“, frage ich meine Sitznachbarin. Sie lächelt mich an und schüttelt den Kopf. Warum läuft dann der Motor? Ich beobachte, dass das Geld eingesammelt wird. Der Fahrer kommt zu mir und spricht mit mir arabisch, als ob das meine Muttersprache ist. Was soll er denn anderes gesagt haben, als das er nun die Fahrtkosten möchte. Ich gebe ihm einen meiner drei Scheine. Umgerechnet etwas mehr als drei Euro. Ich bekomme in Begleitung unzähliger arabischer Wörter etwa einen Euro zurück. Ich frage auf französisch, ob wir nun losfahren. Ein Schwung arabischer Wörter kommt mir entgegen. Hm. Ich deute das mal als ein ‘Nein’. Aber er hat doch bestimmt mehr gesagt als das. Da sind sie wieder: meine Fragezeichen im Gesicht. Dieses Mal ist es eine junge Frau, die sich zu mir umdreht und mir auf französisch erklärt, das es losgeht, sobald alle Plätze besetzt sind. Ein Mann kommt aus dem Nichts dazu und gretscht rein, dass ich ja diese Plätze kaufen könne. Dann würde er losfahren. Ah. Ja. Diese Debatte macht er also auf. Klar. Für die paar Euro könnte ich noch die restlichen Plätze bezahlen und es würde losgehen. Umgerechnet etwa zwölf Euro. Für eine zwei Stunden Fahrt. Meine europäische Sichtweise findet das okay. Mein Reise-Ich aber nicht. Warum soll die Deutsche die Kutsche kaufen? Mit diesem Gedanken fühle ich mich unwohl. Zeit vergeht. Der Motor ist mittlerweile wieder aus. Der Mann, der meinte mir meine Privilegien klar machen zu müssen, ist auch einer der Mitfahrer. Sind also noch zwei Plätze zu vergeben. Der Zeiger ist gleich auf halb elf. Hm. Mein Kopf rechnet. Ich rechne, wieviel Zeit mir bis zum Einchecken bleibt. Und es bleibt eine Unbekannte in meiner Gleichung übrig. Die Startzeit. Ich übe mich in Geduld. Meine Sitznachbarin nicht. Sie schreit etwas auf arabisch, durch den Bus, zur Straße hinaus. Dorthin, wo der Fahrer steht und Kaffee trinkt. Die Situation bleibt unverändert. Ich rechne wieder. Diesmal mit den paar Dinar, die ich in meiner Tasche habe. Es wären 14Dinar zu bezahlen. Ich überlege: und wenn ich ihm zehn Dinar anbiete, damit er losfährt? Ich zöger. Diese überhebliche Karte möchte ich ungern ausspielen. Jedoch ist ein Flug teurer als 14Dinar. Ich schließe meine Augen. Und atme meine Nervosität weg. Klappt nicht so ganz, wie ich es gerne hätte. Zweiter Versuch. Schon besser. Ich schaue auf die Uhr. Fast eineinhalb Stunden bin ich nun am selben Ort. Wenn ich doch bloß wüsste, wann es losgeht. Mit geschlossenen Augen male ich mir das Bild aus, dass ich rechtzeitig am Flughafen ankomme. Und wenn es eben sein muss, dass ich die Plätze bezahle. Ich öffne meine Augen, weil die Frau neben mir wieder unruhig geworden ist. Auch haben sich zwei andere nun ihrem Wortschwall angeschlossen. Der Fahrer bellt zurück. Na toll. Wie soll ich nun in dieser Situation klar machen, dass ich mich dafür entschieden habe, die Plätze zu bezahlen. Ich bleibe stumm. Das Wortgefecht geht weiter. Bis sich der Fahrer ans Steuer setzt und losfährt. Und schon wieder sitze ich da: mit tausend Fragezeichen im Gesicht. Aber egal. Wir fahren.

Die Segelcrew setzt die Segel. Sie durften starten. Ich setze mich in den Flugzeug-Sitz. Ich darf Ägypten kennenlernen.

