–  Die Welt hat sich schlagartig verändert –

 

20.März2020 Punta Arenas. Flughafen. Ach, hätten wir den Rotwein doch nicht verschenkt, sondern selbst getrunken. Vielleicht könnte ich mit etwas Alkohol im Kopf diese Verrücktheit verstehen, die hier vor sich geht.

Es ist nämlich so: es gibt die genannte Warteliste. Diese wird nach jedem Flugzeug, das nach Santiago gestartet ist, neu erstellt. Somit bedeutet es, wenn wir nicht in den Flieger gekommen sind, uns wieder auf die Warteliste schreiben zu lassen. Das ist schon mal die erste Vorgehensweise, die mir unlogisch erscheint. Jedoch sind das wohl die Regeln hier, also spielen wir nach diesen Regeln.

Hinzu kommt die erwähnte Warteschlange. Oder auch ‚holding line‘ genannt. Ein weiteres fragwürdiges Verfahren. Nach unseren Beobachtungen zufolge, kann eine Person einfach nur zur richtigen Zeit an einer beliebigen, aber richtigen Stelle dieser Reihe stehen und kommt dadurch ins Flugzeug. Auch diese Methode, mit unserem forschenden Blick beleuchtet, macht einfach keinen Sinn.

Aber egal. Bald schlägt die zwanzigste Stunde für uns am Flughafen. Was hier Sinn und Unsinn macht, ist zweitrangig. Wichtiger ist: es geht jetzt der letzte Flieger des Tages.

Die regulären Plätze sind von den Passagieren eingenommen. Das Spiel kennen wir mittlerweile. Ich habe zwar vergessen mitzuzählen, jedoch haben wir das Prozedere nun sechs bis sieben Mal mitgemacht. Jetzt werden scheinbar wahllos Leute aus der Warteschlange in das Flugzeug gelassen. Wir sind nicht dabei. Jetzt dauert es eine Weile. Und schließlich werden Namen der Warteliste aufgerufen. Zwar schon vertraut, doch jedes Mal wieder ein Bad der Gefühle: werden unsere Namen aufgerufen? Auch nicht. Es sind wieder die anderen Gesichter, die Erleichterung zeigen. Menschen, die uns um den Hals fallen. Die uns dankbar sind, für unsere Hinweise. Die so wenig wie wir verstehen, warum sie aufgerufen wurden. Kamen sie ja nach uns an den Schalter.

Wir drei fahren weiterhin auf unserer Gute-Laune-Schiene. Beklatschen die Menschen, die im Nachrückverfahren in das Flugzeug steigen dürfen. Als ob sie eine Leistung vollbracht haben. Den Aufstieg des Mont Everest zum Beispiel. Mit Glückwünschen überhäuft, trauen sich die Menschen schon fast nicht, ihren Platz anzunehmen. Und wir drei bleiben zurück, mit den besten Wünschen unserer Mitmenschen. Und dem Gefühl das richtige gemacht zu haben.

Hat es sich doch richtig angefühlt, anderen zu erzählen, wie die willkürliche Vorgehensweise hier ist. Doch das man sein Glück erhöhen kann, indem man sich ständig wieder auf die Liste schreiben lässt. Auch fühlte es sich richtig an, sich für diejenigen zu freuen, die nach Santiago fliegen dürfen. Auch die Achterbahnfahrt der Gefühle haben wir akzeptiert. Nach jeder Enttäuschung wieder Hoffnung an den Tag gelegt. Hoffnung, die bis zum letzten Flieger des Tages anhält. Sogar bis zum letzten Passagier, der aufgerufen wurde. Doch das war’s. Stille kehrt ein. Wir beobachten, wie die letzten Mitstreiter aus unserem Sichtfeld verschwinden. Wie die Glücklichen zum Flugzeug gehen. Irgendwie fühlt sich da etwas nicht richtig an. Wir drei wenden uns zueinander, als ob eine neue Taktik-Besprechung ansteht. Das Flughafenpersonal wendet sich an das Mikrofon:

„El último pasajero para el vuelo a Santiago!“ Sie haben den Namen bestimmt drei Mal genannt. Ich traue meinen Ohren nicht. Es ist mein Name. Ich werde gerade aufgerufen. Die Gesichter meiner Kollegen verraten mir, dass es wahr ist. Und noch einmal „El último pasajero! Por favor, ve al avión inmediatamente.“ Unglaublich. Aber. Das. Geht. Doch. Nicht. Wir sind zu dritt!!! Also. Ich kann unmöglich der letzte Passagier für heute sein. Das Flugpersonal macht deutlich, dass ich die letzte zugelassene Person bin. Punkt. Aber. Nichts aber. Ufff. Meine Gedanken schlagen Purzelbäume. Jedoch ist mir bewusst, dass ich in Chile zurecht komme, sollte es hart auf hart kommen. Ich gebe meinen Platz an unsere dreier Gruppe frei. Aber sie erinnern mich an unsere Abmachung: wer einen Platz bekommt, der nimmt ihn. Stimmt. Das haben wir so ausgemacht. In Ruhe. Eine bewusste Entscheidung, die jeder für sich und wir doch gemeinsam getroffen haben. Also gut. Und die beiden, da bin ich mir sicher, haben bestimmt schon die nächste Taktik parat, um einen Platz in einen der wenigen Flugzeuge zu ergattern.

Ich verabschiede mich. Und auch ich werde von einem Klang-Teppich, der aus Applaus besteht, getragen. Ich gehe zügig. Ich renne. Möchte so schnell wie möglich die freudige Überraschung mit den anderen Flugpassagieren teilen. Und so ist es. Ich sehe das Ende der Schlange, die ins Flugzeug geht. Als ob man Freunde trifft, so groß ist die Freude, der anderen, mich wiederzusehen. Jubel, dass auch ich einen Platz bekommen habe. Dieser wird jedoch gedämpft, als realisiert wird, dass die beiden anderen nicht mitdürfen.

Was ein Tag. Die Palette voller Emotionen kam zum Vorschein. Ich sollte erleichtert sein. Bin ich jedoch nicht. Soviel, was passiert ist. Soviel, was mit unrechten Dingen zugeht. Was fernab jeder Logik ist. Eine absurde Welt, die sich mir zeigt. So, wie ich sie zuvor noch nicht gesehen habe. Wie denn auch. Es kam etwas neues hinzu. Etwas, was die ganze Welt auf den Kopf stellt. Etwas, was die Ängste der Menschheit schürt. Und ich bin verblüfft, wieviel Angst unter der Oberfläche verborgen lag.

Genauso verblüfft bin ich, als ich in den Flieger steige. Unglaublich. Es ist also doch eine Komödie. Eine, in der ich gerade wohl die Hauptrolle spiele. Wo ist die Kamera? Ich habe ja soeben das Drehbuch gelesen. So weiß ich sicher, dass ich die letzte, die allerletzte(!) Person bin, die das Flugzeug betritt. Und was sehe ich? Reihenweise leere Plätze. Nee. Komm schon. Was ein Witz. So nicht! Nun bricht es aus mir heraus. Mein Unverständnis. Die Ungerechtigkeit, die sich über die – zig Stunden am Flughafen abgespielt hat, habe ich mitgespielt. Jetzt spielen wir im Flugzeug weiter. Aber mit neuen Karten. Und ich gebe sie. Ganz klar. Wir fliegen nicht los, bis jeder einzelne Platz besetzt ist. So sind jetzt die Spielregeln. Meine Spielregeln.

Ich bleibe im Gang der Flugzeuges stehen, während die letzten Fluggäste ihre Plätze einnehmen. Die Passagiere mit den regulären Flugtickets scheinen mein Spiel nicht zu verstehen. Im Gegensatz zu den Reisenden, die spontan einen Sitz ergattert haben. Sie spüren meine Fassungslosigkeit. Das Flugpersonal ist verwirrt, wollen sie doch das Flugzeug für den Start vorbereiten.

Zwei Stewardessen stehen mir gegenüber. Sie merken, dass ich keine Anstalten mache, mich hinzusetzen. Mein Entsetzen über die leerstehenden Plätze bedarf keine weiteren Worte. Sie haben nun meine Regel verstanden: ich starte nicht in einem Flugzeug, welches noch Passagiere mitnehmen kann. Zügig geht eine der Stewardessen zum Telefon. Und blitzartig kommt mir ein Spruch in den Sinn: „In einer Gruppe gibt es immer einen Verrückten. Wenn Du Dich umschaust und Du keinen Verrückten siehst, dann weißt Du: Du bist der Verrückte“. Ich schaue mich um. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Es ist still. Die Spannung knistert in der Luft. Und mir wird klar: Ich bin der Verrückte. Na toll. Dann startet das Flugzeug eben ohne den Verrückten. Es geht um’s Prinzip. Es kann doch nicht angehen, daß Menschen zurück gelassen werden. Mein Herz schreit nach Gerechtigkeit. Und das ist es mir wert: ich setze meine Karte auf alles oder nichts.

Und es ist dieser Moment, in dem das Herz den Ton angibt. Dieser Moment, wenn die Welt für einen Augenblick lang still steht. Der Moment in dem der Kopf nicht mehr nachkommt. So versteht der Kopf nicht sofort, was er sieht: meine beiden Kollegen kommen an Bord! Die Spannung löst sich zu einem Freudenfest. Das ganze Flugzeug jubelt mit uns. Und wir jubeln alle zusammen. Und noch mehr Jubel. Bei jedem weiteren Platz, der im Nachrückverfahren eingenommen wird. Bis schließlich das komplette Flugzeug belegt ist. Wir starten.

Nach diesem Freudentrubel macht sich nun endlich etwas Erleichterung breit. Mir fallen Steine vom Herzen. Es ist ein schönes Gefühl: Wir drei fliegen gemeinsam nach Santiago. Und noch schöner: das ganze Flugzeug ist besetzt.

Es ist an der Zeit sich Ruhe zu gönnen. Etwas Ruhe, bevor wir unseren nächsten Plan zurecht legen. Damit wir hoffentlich von Santiago nach Europa kommen.

Fortsetzung folgt.

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Deutsche Fassung Geschichten des Lebens5 Comments on Eine Geschichte über die Menschlichkeit (Teil 2)

5 Replies to “Eine Geschichte über die Menschlichkeit (Teil 2)”

  1. Lieber Mike,
    Deinen wunderbaren Kommentar habe ich weitergeleitet – an die Helden der Geschichte.
    Ich bedanke mich, für Deine Resonanz zu diesem Artikel und freue mich sehr darüber, dass Du mit auf Reisen bist.
    Herzlichst,
    Großstadt-Pocahontas

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